Es handelt sich nicht um eine massenhafte Flucht aus dem Land, sondern um einen klaren Migrationstrend. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zeigt, dass sich beinahe jeder fünfte Bewohner Deutschlands vorstellen kann, das Land in absehbarer Zeit zu verlassen. Allerdings ziehen Bürger Deutschlands, die selbst Migranten sind oder Kinder von Einwanderern, eine Auswanderung etwas häufiger in Betracht als Personen ohne einen solchen Hintergrund.
Die Mehrheit der Bewohner Deutschlands lebt gerne hier und denkt nicht über eine Auswanderung nach. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung kann sich jedoch vorstellen, Deutschland zu verlassen. Deutsche mit Migrationshintergrund erwägen eine Auswanderung etwas häufiger als Deutsche ohne Migrationshintergrund – so heißt es in der Analyse.
Im Jahr 2024 verließen knapp 1,3 Millionen Menschen Deutschland, darunter rund 270.000 deutsche Staatsbürger. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Überlegungen zur Auswanderung nicht bloß im Bereich der Theorie verbleiben. Die von der KAS durchgeführte Studie konzentriert sich jedoch auf potenzielle Auswanderer – jene, die noch keine Entscheidung getroffen haben, aber bereits Pläne für eine Ausreise schmieden. Etwa 19 Prozent der einheimischen Deutschen, 24 Prozent derjenigen mit Migrationshintergrund und 22 Prozent der in Deutschland lebenden Ausländer erklären ihre Bereitschaft zur Ausreise. Der stärkste Prädiktor (eine Variable, ein Datum, ein Merkmal, das es erlaubt, den Wert einer anderen Variablen vorherzusagen oder zu erklären – Anm. d. Red.) ist nicht die ethnische Herkunft, sondern das Alter und der Grad der Lebenszufriedenheit. Personen unter 65 Jahren ziehen einen Wohnortwechsel deutlich häufiger in Betracht als Senioren.
Die Analyse bestätigt, dass soziodemografische Faktoren eine zweitrangige Rolle spielen.
Ebenso aussagekräftig sind die bevorzugten Auswanderungsziele. Die Befragten nennen am häufigsten Länder Südeuropas, gefolgt von Osteuropa, Österreich und der Schweiz. Deutsche ohne Migrationshintergrund würden sich am liebsten in Österreich, der Schweiz oder Skandinavien sehen. Personen mit Migrationshintergrund betonen stärker den Süden, 28 Prozent gegenüber 16 Prozent in der Gruppe der Einheimischen. Ganz anders sieht es bei den in Deutschland lebenden Ausländern aus. Diese Gruppe bevorzugt eindeutig Osteuropa, jeder Dritte von ihnen nennt diese Richtung. In diesem Zusammenhang taucht Polen im Bericht als eines der am häufigsten spontan genannten konkreten Zielländer auf. Polen wird somit vor allem von in Deutschland lebenden Ausländern als attraktives Ziel wahrgenommen. Ethnische Deutsche nennen Polen selten als Ziel ihrer Auswanderung.
Das Hauptmotiv ist eine vielschichtige Unzufriedenheit mit der deutschen Wirklichkeit. Unter den von der KAS analysierten, in Deutschland lebenden Ausländern steht die Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland an erster Stelle als Motiv. Sie kritisieren das Bildungssystem, das Rentensystem, die steuerliche Belastung, die Stagnation sowie die Überzeugung, dass Deutschland in die falsche Richtung steuert.
Andere wiederum heben das wachsende Gefühl der Unsicherheit, die Schwäche des Staates und die Einschränkung der Meinungsfreiheit hervor. Bei Deutschen mit Migrationshintergrund hingegen klingt die Furcht vor einem Rechtsruck und vor Diskriminierung deutlicher an. Parallel dazu treten pragmatisch-hedonistische Motive auf, denn 15 Prozent der Befragten träumen von einem höheren Lebensstandard und niedrigeren Lebenshaltungskosten, einer besseren Gesundheitsversorgung oder einer auskömmlichen Rente im Ausland. Die Studie bestätigt, dass es in den meisten Fällen mehrere Auswanderungsmotive gibt. Bei Ausländern sind familiäre und partnerschaftliche Gründe besonders stark ausgeprägt, sogar 25 Prozent, was bisweilen mit Heimweh nach dem Herkunftsland verbunden ist. Polen erscheint in diesem Kontext nicht als Ziel einer massenhaften deutschen Auswanderung, sondern als konkrete, praktische Richtung für eine Gruppe von Ausländern, die ein kulturell näheres Land und ökonomisch bessere Lebensbedingungen suchen.