Der globale Automobilsektor durchläuft eine Revolution, angetrieben durch Elektrifizierung, Autonomie und Konkurrenz aus Asien. Traditionelle Großmächte Westeuropas wie Deutschland und Italien stehen vor der Herausforderung, in den letzten Jahren Marktanteile verloren zu haben, mit Überproduktion zu kämpfen und in Innovationen investieren zu müssen. Ein neuer Bericht des Instituts für Europäische Politik (IEP@BU) vergleicht die Strategien beider Länder seit dem Jahr 2000 und hebt die Unterschiede in Produktion und Forschung hervor. Deutschland hält trotz eines Rückgangs von 20 % gegenüber dem Höchststand seinen Vorsprung dank des Fokus auf Premiummarken und Technologien. Italien hat mit einem 80-prozentigen Einbruch der Pkw-Produktion zu kämpfen und stützt sich auf Zulieferer und Nutzfahrzeuge – doch das sind fragile Fundamente.
Seit der Jahrtausendwende erlebte Deutschland sein „goldenes Zeitalter" der Automobilindustrie: Nach der Krise von 1993 stieg die Produktion auf 5 Millionen Fahrzeuge jährlich und stabilisierte sich nach der Pandemie bei 4,1 Millionen. Globale Präsenz, Dominanz im Premiumsegment und technologische Führerschaft – das sind die Säulen des Erfolgs von Volkswagen Group oder BMW. Krisen (Finanzkrise 2008, Pandemie) verursachten Einbrüche, doch die Erholung nach den Krisen kam schnell. Im Jahr 2024 produzierte Deutschland 1,35 Millionen Elektrofahrzeuge – ein Drittel der Gesamtproduktion, als Ersatz für Verbrennungsmotoren (auf dem Niveau der 1960er Jahre).
Italien schlug einen anderen Weg ein und verzeichnete einen Rückgang von 1,6 Millionen auf 310.000 Pkw im Jahr 2024 – abhängig von Massenproduktion und dem Inlandsmarkt. Fiat Chrysler (heute Stellantis) konzentrierte sich auf günstige Modelle und ignorierte das Premiumsegment abgesehen von Ferrari und Lamborghini. Die Übernahme von Chrysler öffnete den US-Markt, stoppte aber nicht die Erosion. Nutzfahrzeuge waren ein Stabilisator. Ihr Anteil stieg von 18 % (2000) auf 47 % (2024), obwohl er 2024 um 15 % zurückging. Die Übernahme von Iveco durch die indische Tata Group signalisiert den Kontrollverlust über zentrale Akteure der italienischen Industrie.
Der Vergleich der Fabrikauslastung offenbart folgende Unterschiede: In Deutschland durchschnittlich 67 % (75 % ohne Ford), nahe an der Rentabilitätsschwelle von 80 %. Italien – dramatische 47 %, mit zwei Werken unter 20 %.
Eurostat zeigt Erholungen nach Krisen, mit einem Höhepunkt im Jahr 2022. In Italien kehrte die Wertschöpfung 2017 auf das Niveau von 2000 zurück, mit geringeren Einbrüchen – was auf die Stärke der Zulieferer gegenüber den Autoherstellern hindeutet. Doch Innovationen entscheiden über die Zukunft. Transnationale Patente (IW-Datenbank, 2010–2022), gemessen am Standort des Erfinders: Deutschland dominiert: 26 % aller transnationalen Patente der Branche entfallen auf die Automobilindustrie (Italien unter 8 %). Auf jedes italienische Patent kommen 5,4 deutsche insgesamt, aber in der Automobilindustrie sogar 18!
Deutschland verfügt über seinen Kapitalpuffer, doch die Revolution wird Trägheit nicht verzeihen. Italien muss seine Innovationskraft wiederaufbauen, um eine Marginalisierung zu vermeiden.