Das deutsche Industriemodell, gestützt auf die Innovationskraft und Solidität mittelständischer Unternehmen wie des Lübecker Konzerns Dräger, stößt derzeit auf Hindernisse, die nicht aus dem Mangel an Technologie resultieren, sondern aus dem zunehmend einengenden Regulierungskorsett der Europäischen Union. Stefan Dräger, der ein Unternehmen mit 150-jähriger Tradition leitet, weist Brüssel offen als Hauptursache der Probleme der modernen Medizin- und Rüstungsindustrie aus. Obwohl das Unternehmen seit Jahrzehnten dank einzigartiger Lösungen in der Sicherheitstechnik und der Medizintechnik stabil bleibt, wird seine weitere Entwicklung durch EU-Recht ausgebremst, das sich gegen den Einsatz wichtiger Chemikalien, der sogenannten PFAS-Stoffe, richtet. Dieser Konflikt zwischen rigoroser Umweltpolitik und den Produktionsbedürfnissen der Hochtechnologie wird zur Konfliktlinie, die über die Zukunft des deutschen Produktionssektors in Europa entscheiden kann.
Die Analyse der Marktlage global agierender Unternehmen widerlegt zugleich den in den Medien verbreiteten Mythos, allein die Zollpolitik der USA sei die größte Bedrohung für den deutschen Export. Aus den von den Branchenführern vorgelegten Daten geht hervor, dass die Kosten der Dollarabwertung gegenüber dem Euro fast doppelt so hoch sind wie die Belastungen aus möglichen Zöllen. Diese Verschiebung der Produktionsrentabilität zwischen Europa und den USA wird zu einer realen Herausforderung, die die deutsche politische Seite zu übersehen scheint, indem sie sich auf eine emotionale Kritik des Protektionismus konzentriert. In Wirklichkeit stellen das Währungsspiel und die internen regulatorischen Kosten in der Europäischen Union einen größeren Ballast für Unternehmen dar, die – statt mit Qualität zu konkurrieren – Energie darauf verschwenden müssen, sich im Dickicht nicht immer logischer Umweltvorschriften zurechtzufinden.
Ein ebenso beunruhigendes Phänomen ist der Mentalitätswandel in der deutschen Gesellschaft und unter den Führungskräften, die zunehmend in der staatlichen Intervention die Lösung sämtlicher Probleme sehen. Stefan Dräger beobachtet einen gefährlichen Trend, bei dem die Verantwortung für unternehmerische Fehler oder Marktschwierigkeiten an die Regierung delegiert wird, was zur Herausbildung einer Anspruchshaltung und Passivität führt. Statt nach Eigenständigkeit und Innovation zu streben, hoffen viele Akteure auf öffentliche Finanzspritzen, was auf lange Sicht die Fundamente schwächt, auf denen die Stärke des „Made in Germany“ aufgebaut wurde. Diese Erosion des Arbeits- und Unternehmertumsethos schafft – verbunden mit steigenden Arbeits- und Energiekosten – eine Mischung, welche selbst die Stabilität so verdienter Unternehmen gefährdet, die sich bislang erfolgreich vom politischen Glamour ferngehalten haben, um auf solide Arbeit zu setzen.
Paradoxerweise findet der Sicherheits- und Medizintechniksektor trotz dieser Schwierigkeiten neue Wachstumsimpulse angesichts wachsender globaler Bedrohungen wie Sabotagen oder Angriffen auf kritische Infrastruktur, einschließlich Krankenhäusern. Unternehmen, denen es gelang, die Auftragslage für den Verteidigungssektor wie die Bundeswehr aufrechtzuerhalten, verzeichnen derzeit Rekordnachfragen nach ihren Leistungen, was ihnen optimistische Finanzprognosen bis zum Ende des Jahrzehnts erlaubt. Doch dieses auf Krisenmanagement und Angst gestützte Wachstum ersetzt kein gesundes Wachstum, das aus wirtschaftlicher Freiheit erwächst, die durch die Bürokratie systematisch eingeschränkt wird. In diesem Kontext steht die deutsche Industrie vor der Notwendigkeit, ihr Verhältnis zu den EU-Institutionen neu zu definieren, um nicht zum Opfer der eigenen, hehren, aber unrealistischen regulatorischen Ambitionen zu werden.
Zusammenfassend stellt der Fall Dräger eine Linse dar, durch die sich die Krise des deutschen Wirtschaftsmodells erkennen lässt. Die deutsche Industrie scheut den technologischen Wettbewerb nicht, sondern unterliegt einer ideologischen Wirtschaftsauffassung, die in Brüssel dominiert. Sollte die Europäische Union ihren Ansatz bei der Chemikalien- und Umweltregulierung nicht überdenken, riskieren wir, die innovativsten Unternehmen über die Grenzen des Kontinents hinauszudrängen. Zugleich kann die deutsche Wirtschaft – ohne eine Rückkehr zu einer Kultur individueller Verantwortung und ohne die Abkehr von einer Subventionsmentalität – ihren größten Trumpf verlieren: die Verlässlichkeit und die Fähigkeit, Krisen zu überstehen, ohne sich auf staatliche Hilfen zu verlassen.