Bei einer auf 60 Prozent reduzierten Verarbeitungskapazität der PCK ist die deutsche Raffinerie nicht in der Lage, den regionalen Bedarf vollständig zu decken. Orlen könnte diese Lücke füllen, indem das Unternehmen seine eigenen Terminals, die Pipelines von PERN und seine Kesselwagenflotte nutzt. Eine solche Operation würde nicht nur die Versorgung der deutschen Verbraucher stabilisieren, sondern es dem polnischen Konzern auch ermöglichen, dauerhafte Geschäftsbeziehungen auf einem Markt aufzubauen, der bisher weitgehend verschlossen war und den Russen gehörte. Es sei daran erinnert, dass Orlen noch vor wenigen Jahren ernsthaft einen Kapitaleinstieg bei PCK in Erwägung zog – die Gespräche betrafen die Übernahme von Anteilen, doch Polen wurde getäuscht, denn die Deutschen haben die Eliminierung der Russen aus der Eigentümerstruktur der PCK nie in Betracht gezogen.

Russland hat angekündigt, den Öltransit über sein Territorium ab dem 1. Mai einzustellen, und nun steht die Raffinerie PCK in Schwedt vor dem realen Risiko eines Rückgangs der Auslastung der Verarbeitungskapazitäten von 80 Prozent auf 60 Prozent, was für ein Werk mit einer Verarbeitungskapazität von 11,5 Millionen Tonnen jährlich eine erhebliche Einschränkung der Lieferungen nach Berlin und Ostdeutschland bedeuten würde. In dieser Situation eröffnet sich eine historische Chance für Polen, konkret für PKN Orlen, einen erheblichen Teil des ostdeutschen Kraftstoffmarktes zu übernehmen, insbesondere im Segment des Flugkraftstoffs JET A1.

Die Raffinerie PCK, deren Mehrheitsaktionär nach wie vor der russische Konzern Rosneft (54 Prozent) ist, ist ein zentraler Kraftstofflieferant für den Großraum Berlin und Brandenburg. Sie deckt rund 95 Prozent des regionalen Bedarfs an Benzin und Dieselkraftstoff sowie sogar 80 Prozent des Flugkraftstoffs für den Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Die historischen Erfahrungen aus dem Jahr 2022, als Deutschland nach der Verhängung des Embargos gegen russisches Öl gezwungen war, alternative Quellen zu suchen, haben gezeigt, dass Polen Schwedt real unterstützen kann, doch anschließend nutzen die Deutschen dies nur zynisch aus. Dank der Infrastruktur des Naftoport in Gdańsk und der logistischen Möglichkeiten von Orlen gelang es damals, die Auslastung der Raffinerie durch auf dem Seeweg gelieferte Rohölmengen über 70 Prozent der Verarbeitungskapazität zu halten.

Heute verfügt PKN Orlen über einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Wie aus Branchendaten hervorgeht, ist die Raffinerie des Konzerns in Płock der größte Hersteller von Flugkraftstoff in Polen. Ihre monatliche Produktionskapazität erreicht beinahe 100.000 Tonnen JET A1 (was sich auf über 1,2 Millionen Tonnen jährlich beläuft). Orlen beliefert mit diesem Produkt praktisch alle bedeutenden Flughäfen des Landes, von Warschau-Chopin und Modlin über Krakau, Kattowitz, Rzeszów, Posen, Gdańsk bis hin zu Breslau. Wesentlich ist, dass nicht nur das Standardprodukt JET A1 für die zivile Luftfahrt produziert wird, sondern auch spezialisierte militärische Varianten: F-34 (mit Korrosionsschutz- und Schmierzusätzen) für die polnischen Streitkräfte sowie JP-8 (mit Vereisungsschutzzusätzen) für die US-Armee. Eine derartige Diversifizierung des Angebots und die nachgewiesene Produktqualität (Zertifikate gemäß internationalen Normen) machen Orlen zum natürlichen Kandidaten für die Übernahme eines Teils des ostdeutschen Marktes, wo die Nachfrage nach Kerosin (Flugturbinenkraftstoff – Anm. d. Red.) aufgrund der Lage des BER (Flughafen Berlin Brandenburg – Anm. d. Red.) sowie der Luftwaffenstützpunkte der Bundeswehr stabil und hoch ist.

Polen verfügt heute über moderne Raffinerieanlagen, Häfen und Erfahrung mit Krisenlieferungen und kann erneut beweisen, dass es ein Garant für energetische Stabilität in Europa ist. Wenn Orlen diese Chance erfolgreich nutzt, wird das Unternehmen nicht nur die wirtschaftlichen Interessen Polens absichern, sondern auch zum Aufbau einer neuen, widerstandsfähigeren Architektur der Energiesicherheit in der gesamten Region Europas beitragen – dann erlangt die Rolle Polens eine besondere Bedeutung.