Die deutsche chemische Industrie, einst Säule der Wirtschaft der BRD, erlebt die schwerste Krise seit Jahrzehnten. Im Dokument „Kernergebnisse Chemieagenda“ vom März 2026, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie vom Bundesumweltministerium erarbeitet wurde, gibt die Regierung offen zu: Die chemische Produktion in Deutschland ist innerhalb weniger Jahre um 20 Prozent eingebrochen, viele Anlagen arbeiten unterhalb der Rentabilitätsschwelle, und ein Teil der Werke wurde bereits dauerhaft geschlossen oder steht am Rande der Liquidation. Ein Rettungspaket wurde vorbereitet.
Die Krise trifft besonders schmerzhaft die kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht über die Möglichkeit verfügen, Verluste durch Exporte auf globale Märkte auszugleichen. Die Ursachen sind vielfältig: rekordhohe Energie- und CO₂-Emissionskosten, komplizierte EU-Vorschriften (REACH, IED), langwierige Genehmigungsverfahren sowie ein Mangel an qualifizierten Fachkräften. Infolgedessen verlieren die deutschen Hersteller Marktanteile zugunsten der billigeren Konkurrenz aus Asien und dem Nahen Osten, und Investitionen in Innovationen werden außerhalb Europas verlagert.
Der Koalitionsvertrag setzt das Ziel, Deutschland zum innovativsten Standort der Welt für die chemische, pharmazeutische und biotechnologische Industrie zu machen – heißt es in dem Dokument.
Vier zentrale Handlungsfelder sollen die besonders angespannte Lage der chemischen Industrie kurzfristig entschärfen:
Im Rahmen der „Chemieagenda 2045“ wurde ein breites Maßnahmenpaket aufgelegt: von der Einführung des Industriestrompreises und der Ausweitung des Ausgleichs der Energiepreise auf 31 Sektoren über die Reform des ETS- und CBAM-Systems bis hin zur Vereinfachung der Verwaltungsverfahren und Unterstützung für Biotechnologie und die Kreislaufwirtschaft (u. a. Massenbilanz und chemisches Recycling). Das Dokument betont, dass ohne eine schnelle Stabilisierung eine weitere Deindustrialisierung droht, einschließlich des Verlusts von 480.000 Arbeitsplätzen und 222 Mrd. Euro Umsatz pro Jahr.
Die Chemie ist nämlich die sogenannte „Industrie der Industrien“, denn sie liefert die Grundrohstoffe für die Automobilindustrie, die Landwirtschaft, die Medizin und saubere Technologien. Ohne einen starken Chemiesektor verliert die deutsche Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit in der gesamten Wertschöpfungskette.
Vor diesem Hintergrund nimmt die Rolle polnischer Akteure eine besonders interessante Stellung ein. Die Grupa Azoty, der größte polnische, vom Staat kontrollierte Chemiekonzern, hat seit Jahren aktiv die Schwäche des deutschen Nachbarn genutzt. Das spektakulärste Beispiel ist die Übernahme des deutschen Düngemittelherstellers Compo Expert im Jahr 2018 für 235 Mio. Euro. Die Transaktion sollte die Position der Azoty als einer der größten Düngemittelakteure in Europa stärken. Compo, mit Werken in Deutschland, wurde zu einem wichtigen Vermögenswert im Portfolio des polnischen Champions. Doch bereits im Januar 2025, und im Kontext des Jahres 2026 hat sich die Situation verschärft, gab der damalige Vizepräsident der Azoty, Andrzej Skolmowski, in einem Interview mit der „Financial Times“ offen zu:
Compo wurde vor einigen Jahren in einer anderen Situation der Grupa Azoty erworben, und derzeit denken wir eher aus Sicht der Liquidität.
Der Konzern erwägt den Verkauf des deutschen Vermögenswerts, um die finanzielle Liquidität zu verbessern. Derzeit liegen keine Informationen über den Abschluss des Verkaufs von Compo Expert vor. Das Unternehmen gehört weiterhin zur Grupa Azoty, und Andrzej Skolmowski wurde am 12. Februar 2026 von der Position des Vorstandsvorsitzenden abberufen.
Parallel begannen die Azoty mit dem Projekt Polimery Police (Azoty Polyolefins). Die Investition in den Komplex für Polypropylen und Propylen in Police verschlang über 7 Mrd. PLN und sollte ein Aushängeschild der polnischen Petrochemie sein. Leider haben Polimery, ähnlich wie die deutsche Chemie, mit gigantischen Problemen zu kämpfen: Verzögerungen des Auftragnehmers (Hyundai Engineering), steigende Energiekosten, Probleme bei der Inbetriebnahme der Anlage sowie eine enorme Verschuldung. Im Jahr 2026 befindet sich das Unternehmen Grupa Azoty Polyolefins in der Restrukturierung, und Orlen hat ein Übernahmeangebot für sämtliche Anteile in Höhe von etwa 1 Mrd. PLN abgegeben. Die Gewerkschaften warnen vor der Gefährdung von über 900 Arbeitsplätzen in den Chemiewerken Police und appellieren an die Regierung, einzugreifen. Das Projekt, das ein Symbol der polnischen Expansion sein sollte, wurde zum Beispiel desselben Problems, mit dem der deutsche Sektor zu kämpfen hat: hohe Kosten, regulatorischer Druck und globaler Wettbewerb. Das Projekt Polimery wird in seiner gegenwärtigen Form weder weiterentwickelt noch in Betrieb genommen. Es ist hingegen eingefroren und wird auf eine Übernahme durch Orlen nach der Restrukturierung vorbereitet.
[Die Autorin Aleksandra Fedorska ist Journalistin von Tysol.pl sowie zahlreicher polnischer und deutscher Medien]
[Titel, Lead, Abschnitt "Was Sie wissen müssen", "Was das für Polen bedeutet" sowie einige Zwischenüberschriften von der Redaktion]