In den letzten Wochen blicken Autofahrer in Polen und Deutschland ungläubig auf die Anzeigen an den Zapfsäulen. Noch zu Monatsbeginn galt das Tanken in Polen als attraktive Alternative zu den deutschen Preisen, doch heute schmilzt dieser Vorteil zusehends. Die Daten vom Großhandels- und Einzelhandelsmarkt zeigen, dass der sprunghafte Anstieg der Kraftstoffpreise kein lokales Phänomen ist. Es ist die Folge gemeinsamer globaler Faktoren, die beide Länder treffen, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität und in unterschiedlichem Tempo.
In Polen entwickelt sich die Situation am schnellsten. Noch vor Kurzem schwankte der Dieselpreis an den Tankstellen um 7 Złoty pro Liter und erschien hoch. Heute tauchen an vielen Pylonen bereits Beträge ab acht auf, und Analysten prognostizieren, dass der Durchschnittspreis für Diesel Ende März 8,19 Złoty, also etwa 1,90 Euro, überschreiten könnte. Benzin 95 nähert sich 7,19 Złoty, Super 98 – 7,86 Złoty. Das bedeutet, dass Polen innerhalb weniger Wochen die Niveaus eingeholt und zeitweise sogar übertroffen hat, die noch kürzlich als Rekorde von 2022 galten. Am dramatischsten ist der Anstieg im Großhandel: Der Dieselpreis sprang innerhalb eines Monats um über 52 Prozent – von unter 5.000 Złoty netto pro Kubikmeter auf über 7.200 Złoty. Eine derart dynamische Veränderung war seit vielen Jahren nicht zu beobachten.
Hinter all dem steht vor allem die angespannte geopolitische Lage im Nahen Osten. Der Konflikt im Zusammenhang mit dem Iran und die Angriffe auf die Ölinfrastruktur in der Region des Persischen Golfs haben die Lieferungen eingeschränkt, was sich unmittelbar auf die Weltmarktnotierungen auswirkte. Der Brent-Ölpreis, der noch vor Kurzem deutlich niedriger schwankte, näherte sich in kurzer Zeit 100–120 Dollar pro Barrel. Jede weitere Meldung über Störungen im Seetransport oder Probleme mit Tankern treibt die Markterwartungen in die Höhe, und diese schlagen sich direkt in den Preisen raffinierter Produkte nieder. Polen als Rohölimporteur spürt diese Schwankungen besonders stark, da der Kraftstoffmarkt im Land eng an die globalen Rohstoffpreise gekoppelt ist.
Man darf jedoch die Rolle der inländischen Faktoren nicht unterschätzen. Der Endpreis, den der Autofahrer an der Zapfsäule zahlt, besteht nicht allein aus den Kosten für Rohöl und Raffination. In Polen fließt über die Hälfte des an der Zapfsäule sichtbaren Betrags in Form von Mehrwertsteuer, Verbrauchsteuer, Kraftstoffabgabe und Emissionsabgabe in den Staatshaushalt. Wenn man den heutigen Dieselpreis in seine Einzelteile zerlegt, zeigt sich, dass der Rohstoff und die Produktionskosten nur etwa 4,68 Złoty pro Liter ausmachen, während Steuern und Abgaben über 2,60 Złoty hinzufügen. Die Regierung verfügt über Instrumente, um diesen Anstieg abzumildern – von der Senkung der Steuersätze bis zur Freigabe strategischer Reserven –, aber jede solche Maßnahme bedeutet geringere Einnahmen für einen Haushalt, der ohnehin mit einem Defizit kämpft. Die Transportbranche fordert vor allem eine Reduzierung der Kraftstoff- und Emissionsabgabe, denn für Unternehmen mit Vorsteuerabzug bringt die Senkung der Mehrwertsteuer allein nicht so viel Entlastung wie für Privatfahrer.
In Deutschland ist das Bild etwas anders, wenn auch ebenso beunruhigend. Dortige Autofahrer zahlten seit Jahren mehr als die Polen, weshalb das Tanken jenseits der Oder für sie lange rentabel war. Noch Anfang März betrug der Unterschied beim Diesel bis zu 70 Cent pro Liter. Heute ist diese Marge auf etwa 30 Cent beim Diesel und 40 Cent beim Benzin geschrumpft. Deutsche Medien, darunter das Portal t-online, schreiben unumwunden: Tanken in Polen lohnt sich nicht mehr in dem Maße wie zuvor. Gleichzeitig steigen die Preise auch in Deutschland selbst, wenn auch nicht so spektakulär wie beim polnischen Nachbarn. Laut Daten der Europäischen Kommission verteuerte sich Brent-Öl zwischen dem 23. Februar und dem 9. März 2026 um 27 Prozent, doch Diesel an deutschen Tankstellen wurde um ganze 44 Prozent teurer, Benzin um 29 Prozent. Diese Diskrepanz zwischen Groß- und Einzelhandel wirft Fragen über die Funktionsweise des Marktes auf.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin weist in seinem neuesten Wochenbericht darauf hin, dass hinter der schnellen Weitergabe des Ölpreisanstiegs an die Zapfsäulen nicht nur globale Faktoren stehen, sondern auch die Struktur des nationalen Kraftstoffmarktes. In Deutschland operieren mehrere große Konzerne – BP, Shell, TotalEnergies, ExxonMobil, Esso und Raffinerie –, die zugleich Raffinerien und Vertreiber sind. Wenn die Rohstoffpreise weltweit steigen, geben diese Unternehmen die Kosten schnell an die Verbraucher weiter, und der Wettbewerb zwischen ihnen funktioniert nicht immer so, wie er sollte. DIW-Experten verweisen auf mögliche Abstimmung des Handelns, fehlenden ausreichenden Wettbewerbsdruck und strukturelle Probleme, die dazu führen, dass selbst geringe Ölpreisanstiege sofort an den Zapfsäulen sichtbar werden. Tomaso Duso, der Autor des Kommentars, betont, dass der Kraftstoffmarkt in Deutschland oligopolistischen Charakter hat und einer sorgfältigen Überwachung bedarf, da überhöhte Margen nicht nur aus Kosten, sondern auch aus unvollkommenem Wettbewerb resultieren können.
Beim Vergleich beider Länder zeigen sich deutliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede. In Polen ist das Tempo des Anstiegs schneller und für den Durchschnittsfahrer sichtbarer, da das Land erst das höhere deutsche Niveau einholt. In Deutschland ist der Mechanismus hingegen ausgereifter, die Preise waren bereits hoch und steigen nun in einer vorhersehbaren, wenn auch schmerzhaften Weise. Der gemeinsame Nenner ist die Abhängigkeit vom Weltölmarkt und von Steuern, die in beiden Ländern einen erheblichen Teil des Endpreises ausmachen. In Polen können Steuern und Abgaben über die Hälfte des Betrags ausmachen, in Deutschland ist das System ähnlich aufgebaut, wobei die Raffinerie-Marktstruktur stärker konzentriert ist.
Experten warnen, dass die Preise ohne eine rasche Beruhigung der Lage im Nahen Osten und eine Wiederherstellung stabiler Öllieferungen über weitere Monate auf hohem Niveau bleiben könnten. In Polen hört die Vision von Diesel für 9 Złoty pro Liter auf, Science-Fiction zu sein, und in Deutschland werden weitere Anstiege zusätzlich Wirtschaft, Transport und Privathaushalte belasten. Die Regierungen beider Länder stehen vor einer schwierigen Wahl: steuerlich eingreifen und ein Haushaltsloch riskieren oder die Marktmechanismen wirken lassen und gesellschaftliche Unzufriedenheit sowie eine Konjunkturabschwächung riskieren. Vorläufig zahlen die Autofahrer in Polen und Deutschland die Rechnung für Geopolitik und die Struktur des Kraftstoffmarktes – eine Rechnung, die von Tag zu Tag wächst.