In Deutschland läuft die parlamentarische Aufarbeitung der COVID-19-Pandemiezeit. Es geht um die Arbeit der Enquete-Kommission des Bundestages, die den Verlauf der Pandemie bewerten und Empfehlungen für die Zukunft erarbeiten soll. Der Abschlussbericht dieser Kommission soll bis Ende Juni 2027 vorgelegt werden. Während der vielbeachteten Anhörung am 19. März 2026 trat unter anderem Dr. Helmut Sterz auf, in den Bundestagsdokumenten beschrieben als Toxikologe und ehemaliger Cheftoxikologe von Pfizer. In der offiziellen Zusammenfassung notierte der Bundestag, dass Sterz die Impfstrategie sehr scharf kritisiert habe und der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach erwidert habe, die Sicherheit der Impfungen sei gut untersucht worden und sie hätten nicht zu einer Übersterblichkeit geführt.

Genau so beschreibt diesen Streit auch Aleksandra Fedorska, Chefredakteurin der Presseagentur Radio Debata. Nach ihrer Einschätzung kehre Deutschland nach Jahren zu einem Thema zurück, das in diesem Land von Anfang an ein außerordentlich großes politisches und gesellschaftliches Gewicht gehabt habe. Die Gesprächspartnerin betont, dass die Beschränkungen jenseits der Oder länger und schärfer gewesen seien als in Polen, und die gesamte Gesellschaft habe die Folgen jener Politik stark zu spüren bekommen.

Aleksandra Fedorska weist darauf hin, dass allein die Einsetzung der Kommission ein wichtiges Signal sei, auch wenn dies – ihrer Meinung nach – spät geschehe. In der offiziellen Beschreibung des Bundestages soll sich die Kommission nicht nur mit dem öffentlichen Gesundheitswesen, sondern auch mit der Wirtschaft, dem Bildungswesen, der Sozialpolitik und der öffentlichen Kommunikation befassen. Das bedeutet, dass die Pandemie umfassender bewertet werden soll als nur durch das Prisma medizinischer Entscheidungen.

Die Gesprächspartnerin verbirgt jedoch nicht ihre Skepsis gegenüber den Resultaten dieses Prozesses. „Nach meiner Einschätzung, aus meiner Perspektive ist diese Arbeit dieser Untersuchungskommission eine vorgetäuschte Aufarbeitung. Vorgetäuscht“ – sagt sie. Und sie fügt hinzu, dass es ihrer Meinung nach „sehr wahrscheinlich“ sei, dass keiner der wichtigsten Politiker ernsthaftere Konsequenzen tragen werde.

Einer der Gründe, warum das Thema erneut stärker hervortrat, ist ein Ausschnitt aus der Märzanhörung unter Beteiligung von Helmut Sterz. In den Bundestagsdokumenten erscheint er als zur Sitzung am 19. März 2026 eingeladener Experte, und in der offiziellen Zusammenfassung wurde festgehalten, dass er als ehemaliger Cheftoxikologe von Pfizer die Studien und die Zulassung der mRNA-Impfstoffe kritisierte und sogar von einer „Tragödie der Impfungen“ und „Millionen Opfern“ sprach.

Fedorska erinnert daran, dass um seine Aussagen herum große Emotionen entstanden seien, insbesondere nach der Verbreitung von Aufnahmeausschnitten. Im Gespräch betont sie jedoch auch, dass Sterz eine stark umstrittene Persönlichkeit sei und seit langem in impfkritischen Milieus aktiv sei. „Helmut Sterz ist in dieser Szene der Impfgegner bekannt, daher ist es leicht, seine Aussagen zu verleumden und etwa mit irgendwelchen Verschwörungstheorien zu verknüpfen“ – sagt sie.

Das ist ein wichtiger Vorbehalt, denn die Zahl von „60.000 Verstorbenen“ selbst, von der im Gespräch die Rede ist, bleibt eine Sterz zugeschriebene These und keine Feststellung der Kommission. Der Bundestag verzeichnete in seiner offiziellen Zusammenfassung dessen scharfe Kritik, führte aber zugleich die völlig abweichende Bewertung Lauterbachs an.

In derselben Debatte klang die Position des ehemaligen Gesundheitsministers Karl Lauterbach stark an. Der Bundestag fasst sie klar zusammen: Lauterbach sagte, nach Angaben der WHO habe die Pandemie weltweit etwa 15 Millionen Opfer gefordert, und der wissenschaftliche Konsens besage, dass diese Zahl dank der Impfungen nicht noch höher gewesen sei. Er betonte zudem, die Impfungen hätten keine Übersterblichkeit verursacht und ihre Sicherheit sei gut untersucht.

Fedorska bemerkt, dass gerade Stimmen wie die Lauterbachs oder des ehemaligen Leiters des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler in Deutschland weit aufmerksamer verfolgt würden als die Aussagen von Sterz. „Die Deutschen konzentrieren sich eher auf das, was der Gesundheitsminister sagt“ – sagt sie und verweist darauf, dass über die Jahre der Pandemie gerade diese Politiker und Beamten für viele Bürger die wichtigsten Autoritäten in COVID-19-Fragen gewesen seien.

In ihrer Schilderung halten beide daran fest, dass Deutschland die Pandemie verhältnismäßig gut überstanden habe. Diese Position deckt sich mit dem offiziellen Protokoll der Anhörung, in dem Lauterbach sagte, das Land sei „relativ gut durch die Pandemie gekommen“, obwohl er auch das Vorhandensein seltener Komplikationen wie Herzmuskelentzündungen oder Thrombosen einräumte.

Die Gesprächspartnerin weist darauf hin, dass in der deutschen Debatte das Thema der gesellschaftlichen Folgen der Restriktionen, insbesondere für Kinder und Jugendliche, immer deutlicher zurückkehrt. Auch hier findet sie Rückhalt in den Arbeiten der Kommission: Der Bundestag weist darauf hin, dass die Analyse der Pandemie unter anderem die Bereiche Bildung und gesellschaftliche Folgen der Krise umfasst.

Fedorska spricht sehr deutlich darüber. „Was ich nicht festgestellt habe und was meiner Meinung nach im Rahmen der Arbeit dieser Kommission, die sich auf medizinische Fragen, auf gesellschaftliche Fragen konzentriert, unterschätzt wird, ist meiner Meinung nach das wirtschaftliche Element“ – schätzt sie ein. Zuvor hebt sie auch hervor, dass gerade Kinder und Jugendliche einen Teil der schwierigsten Konsequenzen der Isolation, der Einschränkungen und der Schließung des gesellschaftlichen Lebens getragen hätten.

Ihrer Meinung nach gehe es nicht mehr nur um vergangene Emotionen, sondern um reale Folgen, die in Deutschland bis heute sichtbar seien. Sie spricht von Reintegrationsproblemen, einer Schwächung der gesellschaftlichen Bindungen und einer langfristigen psychologischen Krise, die ihrer Einschätzung nach in der öffentlichen Debatte zu wenig behandelt worden sei.

Aleksandra Fedorska betont auch den wirtschaftlichen Strang stark. Nach ihrer Einschätzung sei gerade hier die größte Lücke in der deutschen Aufarbeitung der Pandemie zu erkennen. Die Kommission solle auch die wirtschaftlichen Folgen der Krise untersuchen, doch die Gesprächspartnerin meint, dieses Element komme nicht ausreichend stark zur Geltung. Der Bundestag selbst kündigt an, dass die Arbeiten der Kommission auch die Wirtschaft und die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber künftigen Krisen umfassen sollen.

„Deutschland ist bis heute nicht aus diesem konjunkturellen Tief herausgekommen“ – sagt Fedorska. Sie fügt hinzu, dass die Folgen der großen Zuschüsse, Subventionen und der Umstellung des Staates auf den Krisenmodus bis heute sichtbar seien, und ihrer Meinung nach gerade diese finanziellen Konsequenzen Gegenstand einer wesentlich detaillierteren Analyse sein sollten.

Am Ende des Gesprächs kehrt das politische Thema zurück, also das Verhältnis zwischen der Kritik an den Pandemiebeschränkungen und dem Bedeutungsgewinn der AfD. Fedorska hat keine Zweifel, dass gerade diese Partei von Anfang an sowohl die Beschränkungen als auch die Impfungen am stärksten in Frage gestellt habe und heute versuche, politisch von der wachsenden Enttäuschung eines Teils der deutschen Gesellschaft zu profitieren.

„Die AfD hat durch diese COVID-Jahre sehr viel gewonnen“ – sagt sie. Ihrer Meinung nach würden gerade aufgrund dieses Kontextes Persönlichkeiten wie Sterz automatisch in eine Reihe mit der schärferen, antisystemischen politischen Botschaft gestellt. Dies wiederum beeinflusse die Art und Weise, wie ihre Aussagen in den Medien und im Hauptstrom der Debatte aufgenommen würden.

Zugleich betont die Gesprächspartnerin, dass unabhängig von den parteipolitischen Streitigkeiten allein die Frage, ob Deutschland seine Pandemiebilanz wirklich aufarbeiten werde, weiterhin offen bleibe.

Hier ist der Zeitplan immerhin klar. Der Bundestag kündigt offiziell an, dass der umfassende Abschlussbericht der Kommission bis Ende Juni 2027 vorgelegt werden soll und konkrete Empfehlungen für die Zukunft enthalten soll. Die Kommission arbeitet in der Formel von 14 Abgeordneten und 14 externen Experten.

Fedorska glaubt jedoch nicht, dass der Bericht selbst die politische Erinnerung an die Pandemie verändern werde. Ihrer Meinung nach werde dies höchstwahrscheinlich mit scharfen Aussagen, Auslegungsstreitigkeiten und einer teilweisen Korrektur des Narrativs enden, jedoch ohne eine reale Neubewertung der Verantwortung der wichtigsten Entscheidungsträger.