Die Inbetriebnahme der zweiten solchen Pipeline, also Nord Stream 2, war von Anfang an schwer zu realisieren. Im Wege stand vor allem Polen. Es war 2016, als das polnische Amt für Wettbewerbs- und Verbraucherschutz feststellte, dass die zweite Pipeline, also Nord Stream 2, nicht als internationales Konsortium betrieben werden dürfe, wie es bei Nord Stream 1 der Fall war.
Die russische Aktiengesellschaft Gazprom wurde Eigentümer von Nord Stream 2 und einziger Gesellschafter dieser Gaspipeline. Zu diesem Zweck gründete Gazprom eine Tochtergesellschaft namens Nord Stream 2 AG mit Sitz in der Schweizer Stadt Zug. Die westlichen Partner dieses Projekts sind lediglich Kreditgeber. Die Baukosten von Nord Stream 2 beliefen sich auf 9,5 Milliarden Euro, wovon die Hälfte aus den Konten europäischer Energiekonzerne stammte: OMV, Uniper, Wintershall Dea, Shell und Engie. Jede dieser Firmen hat den Russen für diesen Zweck einen Kredit von je 950 Millionen Euro überlassen.
Drei Stränge der Pipeline wurden bei den Explosionen im Herbst 2022 beschädigt. Der einzige unbeschädigte Strang gehört zur Nord-Stream-2-Pipeline, die trotz der US-Sanktionen entstand, jedoch nie die endgültige Inbetriebnahmegenehmigung von der deutschen Regierung erhielt.
Die Nord-Stream-1-Pipeline gehört der Gesellschaft Nord Stream AG, die ebenfalls im schweizerischen Zug angesiedelt ist. Die Nord Stream AG gehört zu 51 Prozent der russischen Gazprom und zu 49 Prozent westlichen Konzernen wie Wintershall Dea GmbH, E.ON AG, Gasunie sowie Engie. Die Gesellschaft Nord Stream AG, der Nord Stream 1 untersteht, ist nicht von Sanktionen oder anderen Beschränkungen betroffen, sodass die Firma, wenn sie sich dazu entschließt, diese Pipeline reparieren und in Betrieb nehmen kann.
Die russische Gazprom, die zugleich einziger Gesellschafter der Nord Stream 2 AG ist, unterliegt Sanktionen und ist nicht in der Lage, ihre Schulden zu bedienen, denn sie hat keine Einkünfte. Die Gesellschaft Nord Stream 2 AG ist also schwer verschuldet, verzeichnet keine Einkünfte aus geschäftlicher Tätigkeit und ist daher Gegenstand eines Insolvenzverfahrens im Kanton Zug, das vom Kantonsgericht geführt wird. Der Fall wird jedoch noch verhandelt, weil das Schweizer Gericht der Gesellschaft erneut Zeit für Vergleichsverhandlungen mit den Gläubigern eingeräumt hat. Die Nord Stream 2 AG kann weiter wie in den letzten Jahren bis zum 10. Mai funktionieren. Sollte die Gesellschaft Nord Stream 2 AG bis dahin ihre finanziellen Probleme nicht lösen, wird ihr gesamtes Vermögen, das praktisch nur aus der Nord-Stream-2-Pipeline besteht, versteigert. In letzter Zeit erfuhr die Öffentlichkeit vom ersten Interessenten an diesem Objekt. Es ist der amerikanische Investor Stephen P. Lynch. Die deutsche Presse meint, Lynch verfüge bereits über die Erlaubnis der Amerikaner zum Kauf von Nord Stream 2, doch niemand weiß, wozu Lynch diese Infrastruktur nutzen will. Eines der Szenarien ist die Vorstellung, dass Lynch die Pipeline nur kaufen wird, um sie abzubauen und damit die Gas-Zusammenarbeit Deutschlands mit Russland endgültig zu beenden.
[Aleksandra Fedorska ist Journalistin polnischer und deutscher Medien]