Die Schwarz-Gruppe, Eigentümerin der deutschen Handelsketten Lidl und Kaufland, ist einer der größten Akteure auf dem europäischen Einzelhandelsmarkt. Im Jahr 2024 erreichte die Gruppe einen Umsatz von 175 Milliarden Euro und platzierte sich damit auf dem vierten Platz unter den größten Einzelhändlern der Welt – hinter Walmart, Amazon und Costco. Dahinter verbirgt sich jedoch ein weitaus ehrgeizigeres Projekt: der Aufbau eines eigenen Technologie-Ökosystems, das Deutschland von den amerikanischen Cloud-Giganten unabhängig machen soll.

Der Schlüssel zu dieser Transformation ist STACKIT – eine neue Cloud-Plattform, die zum ersten wirklich deutschen Hyperscaler (ein Unternehmen, das Cloud-Dienste in enormem Umfang anbietet – Anm. d. Red.) werden soll.

Die Schwarz-Gruppe investiert seit mehreren Jahren konsequent in Logistik (eigene Reederei Tailwind Shipping Lines und Bahn Tailwind Intermodal), Abfallwirtschaft (Prezero mit einem Umsatz von 3,9 Mrd. Euro) und Energie. Die größten Aufwendungen, rund 10 Milliarden Euro, flossen in den letzten Jahren jedoch in den digitalen Sektor. Im Rahmen von Schwarz Digits, der IT-Sparte der Gruppe mit über 4000 Spezialisten, entstand die STACKIT-Plattform. Ihr Ziel ist es nicht nur, die internen Prozesse von Lidl und Kaufland zu bedienen, sondern auch den offenen Cloud-Markt als europäische Alternative zu AWS, Microsoft Azure und Google Cloud zu betreten.

STACKIT basiert auf der Open-Source-Software OpenStack – einer technologisch neutralen und anpassbaren Open-Source-Lösung. Die Plattform bietet klassische Cloud-Dienste wie Speicherplatz, Rechenleistung, Datenbanken, Analyse-Tools sowie eine Umgebung zur Entwicklung und zum Testen von Anwendungen. Aktuell läuft sie in vier deutschen Rechenzentren, ein fünftes befindet sich in Brandenburg im Bau. Alle Daten werden ausschließlich auf dem Gebiet Deutschlands und der Europäischen Union verarbeitet, was im Kontext der DSGVO-Vorschriften, des CLOUD Act und der Sorge vor einer Abhängigkeit von der amerikanischen Rechtsprechung von entscheidender Bedeutung ist.

Intern hat STACKIT seinen Wert bereits unter Beweis gestellt. In den letzten 18 Monaten wurde der Online-Shop von Lidl zusammen mit dem Zahlungssystem Lidl Pay vollständig auf die Plattform migriert. Kaufland hat seinen Marketplace sowie die Systeme der Kundenkarte, die Hunderte von Millionen Transaktionen pro Jahr abwickelt, auf die Plattform übertragen. Dank der Partnerschaft mit dem ebenfalls deutschen SAP bietet STACKIT europäische Infrastruktur für kritische Geschäftsprozesse, die sich früher nicht ohne amerikanische Anbieter betreiben ließen.

Die Schwarz-Gruppe setzt stark auf souveräne künstliche Intelligenz. Im Rahmen der PhariaAI Suite bietet sie Lösungen an, die in Zusammenarbeit mit dem deutschen Start-up Aleph Alpha – einem europäischen Konkurrenten von OpenAI – entwickelt wurden. Die Plattform ermöglicht es Unternehmen, KI-Modelle zu entwickeln und einzusetzen, ohne das Risiko eines Wissensabflusses an amerikanische Konkurrenten einzugehen. Ein weiteres Flaggschiffprodukt ist der Messenger Wire, eine vom BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) zertifizierte Lösung, die den sicheren Austausch selbst geheimer Informationen ermöglicht. Wire wird bereits intern in der Gruppe auf Vorstandsebene eingesetzt und schrittweise im öffentlichen Sektor implementiert.

Rolf Schumann, Co-CEO von Schwarz Digits, betont unumwunden: „Wir wollen uns die technische Souveränität sichern”. Christian Müller, der zweite Co-CEO und CIO der Gruppe, fügt hinzu: „Alle Dienste, die wir entwickeln, nutzen wir selbst als großes Unternehmen”. Die Strategie ist klar – STACKIT hat nicht die Absicht, direkt mit den amerikanischen Hyperscalern hinsichtlich der Größenordnung zu konkurrieren, sondern soll eine Ergänzung und sichere Alternative für die deutsche Wirtschaft und den öffentlichen Sektor sein, die befürchten, die Kontrolle über Daten und Know-how zu verlieren, wenn sie amerikanische Angebote nutzen. Marktexperten sehen darin enormes Potenzial. Analysten weisen darauf hin, dass der europäische Cloud-Markt so groß ist, dass selbst ein „kleinerer” Akteur schnell wachsen kann, wenn er lokale Infrastruktur und die Einhaltung der EU-Vorschriften anbietet. STACKIT antwortet auf die wachsende Nachfrage nach „IT aus Europa” – eine Initiative, die sowohl von Politikern als auch von der Wirtschaft gefördert wird. Geopolitische Spannungen, der Krieg in der Ukraine und immer häufigere Datenvorfälle beschleunigen diesen Trend nur.

Die Schwarz-Gruppe spart nicht an Mitteln für die Werbung. 2022 wurde eine deutschlandweite Marketingkampagne im Wert von mehreren Millionen Euro angekündigt. Heute ist STACKIT bereits vollständig für externe Kunden verfügbar und wird konsequent ausgebaut. Partnerschaften mit SAP und Aleph Alpha zeigen, dass die Gruppe nicht isoliert agiert, sondern ein Ökosystem aufbaut.

Für viele Beobachter ist STACKIT ein Symbol für die breitere Transformation Deutschlands. Dieter Schwarz, der „stille Riese” genannt wird, modernisiert nicht nur seinen eigenen Konzern – er baut eine neue Wirtschaftsarchitektur des Landes auf. Vom Handel über Logistik, Recycling, Energie bis hin zu Daten und künstlicher Intelligenz – die Schwarz-Gruppe schafft eine geschlossene, autarke Wertschöpfungskette. In Heilbronn entsteht geradezu eine Modellstadt der Zukunft, die sich um Handel, Technologie und Bildung gruppiert.

Wird STACKIT tatsächlich zum ersten deutschen Hyperscaler? Derzeit liegt sie in puncto Größenordnung noch weit hinter Amazon oder Microsoft zurück. Im Segment der souveränen, europäischen Cloud hat sie jedoch eine reale Chance, die Führungsposition einzunehmen. Für die deutsche Wirtschaft, die öffentliche Verwaltung und Unternehmen, die Wert auf Datenschutz legen, könnte sich das Angebot von Schwarz Digits als bahnbrechend erweisen.

Dieter Schwarz, der 86-jährige Gründer des Imperiums, bleibt eine der rätselhaftesten Figuren der deutschen Wirtschaft. Der reichste Deutsche, dessen Vermögen auf 46,5 Milliarden Euro geschätzt wird, meidet die Medien, gibt keine Interviews und lässt keine Veröffentlichung seiner Fotos zu. Trotz seines fortgeschrittenen Alters gestaltet er weiterhin aktiv die Strategie der Gruppe von ihrem Sitz in Heilbronn aus. Er war es, der 2018 das Projekt STACKIT genehmigte und in der Cloud nicht nur ein Werkzeug zur Digitalisierung des Handels sah, sondern vor allem eine Garantie für die technologische Macht Deutschlands.

[Autorin Aleksandra Fedorska ist Journalistin für Tysol.pl und zahlreiche polnische und deutsche Medien]

[Titel, Abschnitt „Was man wissen muss”, „Ist STACKIT eine reale technologische Alternative?”, sowie Zwischentitel und Lead von der Redaktion]