Ab dem 1. Mai 2026 gerät die Raffinerie PCK Schwedt in ihre schwerste Versorgungskrise seit der russischen Invasion in der Ukraine. Moskaus Entscheidung, den Öltransit durch den nördlichen Strang der Pipeline Drużba (Freundschaft) vollständig zu stoppen, entzieht dem Werk 20–25 Prozent seiner Verarbeitungskapazität – also rund 130–150.000 Tonnen Rohöl monatlich. Das ist eine historische Chance für Polen.

Die Raffinerie, nur 10 km von der polnischen Grenze entfernt, deckt rund 90 Prozent des Kraftstoffbedarfs Berlins, Brandenburgs und von Teilen Mecklenburg-Vorpommerns und ist zugleich ein zentraler Lieferant von Flugzeugtreibstoff für den Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Angesichts eines Jahresvolumens in Höhe von mehreren Hunderttausend Tonnen Flugkraftstoff (darunter schätzungsweise 450.000 Liter für den Hauptstadt-Hub) kann schon eine kurzfristige Produktionsdrosselung zu realen Engpässen, Preissteigerungen und Druck auf die Luftfahrtlogistik der gesamten Region führen.

Deutschland ist in die Enge getrieben. Nach Jahren des Lavierens in der Frage der Derussifizierung – denn Rosneft kontrolliert formal weiterhin 54 Prozent der Anteile, die 2022 unter Treuhandverwaltung gestellt wurden – zahlt Berlin heute den Preis für seine Abhängigkeit vom russischen Öl.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) spricht nach wie vor von Russland als einem „verlässlichen Partner“, und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beruhigt, dass „die Produktion fortgesetzt wird“. Die Realität ist jedoch brutal: Die Raffinerie könnte auf 55–60 Prozent der Verarbeitungskapazität absinken, was die Versorgung Berlins unmittelbar gefährdet. Erste politische Reaktionen gibt es bereits – der Abgeordnete der Fraktion Die Linke, Christian Görke, fordert offen ein Verbot von Privatjet-Flügen und Kurzstreckenverbindungen unter 500 km und argumentiert, man müsse die Bahn fördern. Das ist keine abstrakte Klimadiskussion. Das ist ein Symptom der Panik angesichts des realen Risikos von Unterbrechungen in der Kerosin-Lieferkette für einen der wichtigsten Flughäfen Deutschlands.

In dieser Situation rückt Polen in den Vordergrund – und zwar nicht als passiver Beobachter, sondern als strategischer Akteur. Die Bundesregierung in Berlin hat dringende Verhandlungen mit Warschau über die Erhöhung der Öllieferungen über den Naftoport in Gdańsk und das von PERN verwaltete polnische Pipelinesystem angekündigt. Das polnische Unternehmen hat sogar bereits unterwürfig seine Bereitschaft erklärt, zusätzliche Mengen zu pumpen.

Die Krise offenbart die tiefere Dimension der polnisch-deutschen Energiebeziehungen. Schwedt ist seit Jahren nicht nur eine Raffinerie, sondern auch ein Symbol der verzögerten Derussifizierung und grenzüberschreitender Spannungen. Das schmutzigste Kraftstoffwerk Deutschlands hat die SO₂- und NOₓ-Emissionsgrenzwerte mehrfach überschritten, und die Schadstoffe machen an der Oder nicht Halt – die Bewohner von Słubice, Gubin und Kostrzyn melden seit Jahren reale Auswirkungen. Zugleich beliefert die Raffinerie auch Westpolen. Berlin hat jahrelang ernstzunehmende Angebote für einen Einstieg polnischen Kapitals (PKN Orlen, Unimot) in die Raffinerie zurückgewiesen und eine „Abhängigkeit von Polen“ als politisch inakzeptabel eingestuft – während es in Wirklichkeit die Abhängigkeit vom Kreml aufrechterhielt. Heute, da Russland bewusst den Hahn zudreht, bittet Deutschland selbst um Hilfe.

Das Zeitfenster ist schmal. Wenn Warschau die Krise nutzt, um gezielt den deutschen Markt für Flugkraftstoffe anzugreifen – mit klarem strategischem Ziel –, stärkt es Polens Position als zentraler Akteur der mitteleuropäischen Energiewirtschaft. Wiederholt es jedoch die alten Muster des Nachgebens, vergibt es eine Chance, wie sie die Geschichte nur einmal pro Jahrzehnt eröffnet.