Die niederländische Regierung hat die Kontrolle über Nexperia übernommen – den weltweit zweitgrößten Hersteller diskreter Chips, der dem chinesischen Konzern Wingtech gehört. Die Entscheidung, motiviert durch Befürchtungen einer Produktionsverlagerung nach Asien und Druck aus Washington, rief Vergeltungsmaßnahmen Pekings hervor und beendete den Export dieser Komponenten nach Europa. Die Lieferengpässe treffen vor allem deutsche Großkonzerne wie Bosch und Volkswagen.
Nexperia mit Sitz in Nijmegen beschäftigt über 25.000 Mitarbeiter und produziert Schlüsselkomponenten wie Dioden, Transistoren und Batteriemanagementsysteme, die für Elektroautos und Elektronik unverzichtbar sind. Seit 2019 gehört das Werk dem chinesischen Wingtech-Konzern. Die Befürchtungen einer Bedrohung verstärkten sich nach Signalen aus den USA, dass Wingtech plane, Produktionslinien nach China zu verlagern, was die europäischen Lieferketten gefährden würde.
Am 13. Oktober gab der niederländische Wirtschaftsminister Dirk Beljaarts die „vorübergehende Übernahme der Geschäftsführung in Nijmegen" bekannt. „Wir können den Verlust strategischer Vermögenswerte nicht riskieren" – begründete der niederländische Minister sein Vorgehen. Die Intervention bedeutet keine Verstaatlichung. Die niederländische Regierung will einen europäischen Partner finden, etwa ASML oder Infineon, um das Werk in den Niederlanden zu halten.
Peking reagierte scharf und verhängte ein Embargo auf Exporte aus chinesischen Nexperia-Fabriken, wodurch 30 Prozent der weltweiten Lieferungen blockiert wurden. Das ist ein Schlag gegen die „Just-in-Time"-Lieferketten, bei denen Komponenten über Zulieferer innerhalb eines Tages eintreffen. Am 21. Oktober sprach der niederländische Minister mit seinem chinesischen Amtskollegen auf der Suche nach einem Kompromiss: „Der Dialog ist offen, aber die Souveränität steht nicht zur Verhandlung" – erklärte Beljaarts. China wirft Den Haag Protektionismus vor und droht mit einer Eskalation im Rahmen des breiteren Technologiestreits.
Der Fall eskaliert auch in Brüssel. Am schmerzlichsten trifft es die deutsche Automobilbranche. Bosch, der weltweit größte Automobilzulieferer, meldete Kurzarbeit für über tausend Beschäftigte in Salzgitter (Niedersachsen).
„Das ist eine direkte Folge der niederländisch-chinesischen Pattsituation" – kommentiert Horst Ott von der Gewerkschaft IG Metall. Das Werk in Salzgitter, das Elektronikmodule herstellt, wartet auf die Genehmigung durch die Arbeitsagentur. Der Stillstand könnte Wochen dauern. Volkswagen hat die Produktion in Deutschland bis Ende Oktober gesichert und offenbar einen alternativen Zulieferer gefunden, doch für Audi und Porsche fehlen weiterhin Chips. Japanische Konzerne wie Nissan und Toyota melden ähnliche Probleme. Im breiteren Kontext: Die europäische Nachfrage nach Autos ist seit 2019 um 20 Prozent gesunken, und Chips machen 10 Prozent der Produktionskosten aus. Die Nexperia-Krise ist nach Ansicht deutscher Experten ein Symptom der Schwäche. Europa produziert nur 9 Prozent der weltweiten Chips und ist auf Asien (60 Prozent) und die USA (20 Prozent) angewiesen. Verhandlungen mit China laufen, aber Experten raten: Bündnisse mit Taiwan und Südkorea aufbauen und den Konflikt mit China nicht weiter eskalieren.