Viktor Orbán tritt nach sechzehn Jahren ab und beendet damit eine Ära, die länger gedauert hat als die Regierungszeit Angela Merkels, aber Berlins Hoffnungen auf eine plötzliche Wendung könnten sich als verfrühte Naivität erweisen.
Die deutsche Regierung beeilte sich durch den Mund von Sprecher Stefan Kornelius mit einer enthusiastischen, beinahe unkritischen Zustimmung zum Machtwechsel und witterte darin eine Chance auf eine wirkungsvollere Verwirklichung ihrer eigenen, beinahe imperialen wirtschaftlichen Ambitionen. Es ist eine in der Diplomatie selten anzutreffende Bekundung der Freude über das Wahlergebnis in einem anderen Land, die eine brutale Wahrheit offenlegt: Deutschland sucht keinen Partner, sondern einen Vermittler für seine Interessen. Doch Péter Magyar, der das Gesicht des neuen Ungarn werden soll, beabsichtigt keineswegs, sich Berlin mit einem Hymnus der Verehrung auf den Lippen in die Arme zu werfen.
Magyar, obwohl er sich der Welt als geschmeidige, moderne und in den Brüsseler Salons „trainierte“ Figur präsentiert, spricht in den Schlüsselfragen mit der Stimme des alten Lehrers – Viktor Orbán. Schon jetzt schneidet er Spekulationen über eine energetische Scheidung von Moskau ab und stellt unverblümt fest, dass der Import russischer Rohstoffe für Ungarn schlicht rentabel sei und sich aus harter Geografie und nicht aus Sentimentalitäten ergebe. Der neue Anführer schlüpft in die Schuhe eines Verhandlers nach dem Motto „etwas für etwas“, indem er EU-Kredite für die Ukraine blockiert und hart um die Freigabe von 35 Milliarden Euro aus den Fonds kämpft.
Für den deutschen Automobilsektor mit Mercedes und BMW an der Spitze ist Ungarn heute wichtiger als Polen oder Tschechien. Dort sind dank der von Orbán geschaffenen Bedingungen die größten Automobilfabriken außerhalb der Grenzen Deutschlands entstanden. Wenn die neue Mannschaft in Budapest die niedrigen Energiepreise und das kompetente Personal beibehält, können wir mit einem Zustrom deutschen Kapitals rechnen. Firmen wie Bosch, ZF oder Siemens Energy sind bereits dort und warten nur auf das Signal zur weiteren Expansion. Es ist ein Paradox: Berlin freut sich über den Abgang Orbáns, ohne zu bemerken, dass das geschaffene System für seine Wirtschaft zu einer noch stärkeren Konkurrenz werden kann.