Im Jahr 2024 beging Brasilien den 200. Jahrestag der deutschen Einwanderung. Dieser Prozess prägte nicht nur die Kulturlandschaft des größten Landes Südamerikas, sondern vor allem dessen Stellung als Agrarmacht. Von den ersten Siedlern aus dem Jahr 1824, die vom brasilianischen Kaiser Peter I. (1822–1831) zur Besiedlung des Südens und zur Sicherung der Grenzen nach dem Zerfall der Kolonialordnung angeworben wurden, bis hin zu den heutigen Pionieren im Hinterland bleiben Landwirte deutscher Herkunft ein zentrales Element der brasilianischen und paraguayischen Agrarwirtschaft.

Vor dem Hintergrund des im Jahr 2026 ratifizierten Handelsabkommens Mercosur–EU gewinnt ihre Rolle zusätzlich eine neue, geopolitische Dimension, denn sie sind nicht nur Erben der Tradition familiärer Landwirtschaft, sondern auch Urheber eines Exportbooms, der in Europa sowohl Bewunderung als auch umweltpolitische Kontroversen hervorruft.

Der Beginn der deutschen Präsenz in Brasilien war im Juli 1824, als die erste Gruppe von 39 Siedlern aus Norddeutschland Rio Grande do Sul erreichte. Von Georg Anton von Schaeffer angeworben, erhielten sie jeweils 77 Hektar, sogenannte „picadas“ – Rodungen im amazonischen Regenwald –, dazu Werkzeuge, Saatgut und eine zweijährige finanzielle Unterstützung. Im Gegensatz zu den auf exportorientierten Monokulturen (Zucker, Kaffee, Tabak) basierenden Latifundien führten die Deutschen in Brasilien das Modell des Familienbetriebs ein: Selbstversorgung kombiniert mit dem Verkauf von Überschüssen. Sie bauten Reis und Kartoffeln an, hielten Schweine, Kühe und Hühner, errichteten Wassermühlen und Ölpressen. Bis in die 1930er Jahre waren rund 250.000 Deutsche nach Brasilien gekommen. Ihr Beitrag erwies sich als äußerst nachhaltig: Heute liefern die Familienbetriebe, in denen die Deutschen eine Pionierrolle spielten, bis zu 70 Prozent der Lebensmittel in Brasilien.

Ein zeitgenössisches Beispiel für die Verkörperung des deutschen Erbes in Brasilien ist das Landwirtspaar Helena und Célio Riffel aus Mato Grosso. Das Ehepaar wurde von der deutschen Zeitung Handelsblatt porträtiert. Ihre Vorfahren kamen vor mehr als hundert Jahren aus dem Hunsrück nach Südbrasilien. Vor 37 Jahren verließ das Ehepaar seine Heimat an der Grenze zu Argentinien und zog 2.300 km in den Norden Brasiliens, wo es 798 Hektar wilden Cerrado, einer tropischen Savanne am Rand des Amazonas, erwarb. Der rotbraune Boden, der in der Sonne zu Stein erhärtet und sich in der Regenzeit in schlammige Furchen verwandelt, erforderte einen heroischen Aufwand bei der Bewirtschaftung. Heute bewirtschaften sie 1.200 Hektar mit Soja und Mais. Ihre Geschichte veranschaulicht den Mechanismus des brasilianischen Agrarbooms: deutsches Arbeitsethos, Unternehmergeist und Risikobereitschaft ermöglichten die Expansion auf den schlechten, billigen Böden des Hinterlandes. Soja und Mais aus Mato Grosso sind zu strategischen Produkten der globalen Lebensmittelkette geworden.

Ein ähnliches Modell funktioniert in Paraguay, dem zweiten zentralen Agrarland des Mercosur. Deutsche Siedler kamen hier bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, häufig aus den überbevölkerten brasilianischen Kolonien. Kolonien wie das 1887 gegründete Nueva Germania oder Hohenau in der Region Itapúa wurden zu Bastionen der deutschen Landwirtschaft – Soja, Yerba Mate, Milchwirtschaft, Schweinezucht. Die subtropischen Böden Südparaguays erwiesen sich als ideal für die intensive Produktion.

In den letzten Jahren, insbesondere während der COVID-19-Pandemie, wurde ein gänzlich neuer Zustrom von Deutschen verzeichnet – im Jahr 2021 bis zu 3.440 Personen. Viele von ihnen, oft mit Ansichten, die das offizielle Narrativ in Frage stellen – sogenannte „Impfgegner“ und Angehörige rechter Milieus –, ließen sich in geschlossenen Kolonien wie El Paraíso Verde nieder. Sie gründen Selbstversorgerhöfe, kaufen Land, was für Ausländer in Paraguay einfach ist, und bauen sich „ihr eigenes Paradies“ fern der europäischen Bürokratie und Regulierung. Die Integration ist mitunter problematisch wegen geringer Spanischkenntnisse, Isolationismus sowie Konflikten mit dem lokalen Recht, doch wirtschaftlich stärken sie den Agrarsektor des Mercosur. Die deutschen Kolonien produzieren seit Generationen für den Export und nutzen dabei dieselbe deutsche Disziplin und Innovationskraft wie die Riffels in Brasilien.

Dieser Erfolg birgt jedoch tiefgreifende Dilemmata. Die Expansion von Soja- und Weideflächen im Cerrado – einem an den Amazonas angrenzenden Biom – ist mit Entwaldung, Verlust der Biodiversität und CO₂-Emissionen verbunden. Kritiker in Europa (insbesondere französische und polnische Landwirte) argumentieren, dass das Abkommen die Produktion mit niedrigeren Umwelt- und Sozialstandards begünstige und den Green Deal der EU untergrabe. Die deutschen Landwirte in Brasilien und Paraguay werden in diesem Streit zu einer symbolischen Figur, denn einerseits verkörpern sie deutsches Organisations- und Technikgenie – moderne Maschinen, Präzisionslandwirtschaft –, andererseits werden sie beschuldigt, an der Zerstörung der natürlichen Ressourcen ihrer neuen Heimat beteiligt zu sein.

Gerade in diesem Zusammenhang gewinnt das im März 2026 von Brasilien ratifizierte Mercosur–EU-Abkommen, das ab Mai vorläufig angewendet werden kann, sowie die Einwanderung aus Deutschland eine besondere Bedeutung. Das Abkommen, über mehr als ein Vierteljahrhundert verhandelt, öffnet den EU-Markt für die brasilianische und paraguayische Agrarproduktion: Kontingente für Rindfleisch, Erleichterungen für Soja, Mais, Zucker und Ethanol.

Für die deutschen Landwirte in Brasilien und Paraguay bedeutet dies einen gewaltigen Exportimpuls. Brasilien ist bereits weltweit führend beim Export von Soja (vor allem nach China und in die EU als Futtermittel), und die Expansion im Cerrado – einer Region, in der Tausende Nachfahren der Deutschen tätig sind – beschleunigt sich dank ihres Know-hows. Schätzungen zufolge könnte die vollständige Umsetzung des Mercosur den brasilianischen Agrarexport um mehrere Prozent steigern, Milliarden Dollar generieren und die Position des Mercosur als „Kornkammer der Welt“ festigen.

Polen, einer der größten Lebensmittelproduzenten in der EU, könnte die Folgen dieses Abkommens besonders stark zu spüren bekommen. Billigere Importe aus Brasilien und Paraguay bedeuten einen größeren Druck auf die Preise sowie das Risiko ungleicher Konkurrenz – insbesondere dann, wenn die Produktion außerhalb der EU nicht denselben Umwelt- und Kostenstandards genügt.