Berlin muss die Führung übernehmen, um grundlegende systemische Veränderungen einzuleiten, die über reaktive Maßnahmen hinausgehen — dies ist die Kernaussage einer im Dezember 2025 vom Institut für Europäische Politik (IEP) veröffentlichten Analyse, verfasst von Dr. Pia Fuhrhop und Dr. Ronja Kempin.
Der Krieg in der Ukraine vertieft die Kluft zwischen den USA und Europa. Im zweiten Quartal 2025 sank die amerikanische Militärhilfe auf lediglich 0,49 Milliarden Euro, während die europäische auf 20,53 Milliarden Euro anstieg. Auf dem NATO-Gipfel 2025 verpflichteten sich Berlin und die meisten europäischen Bündnismitglieder, die Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 5 % des BIP zu erhöhen.
Die neue Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz erklärt den Anspruch, die Zukunft der europäischen Verteidigung zu gestalten. Merz kündigte an, die Bundeswehr werde zur stärksten konventionellen Armee in Europa.
Um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, benennt das IEP drei wichtige Schritte. Erstens sollte Deutschland EU- und NATO-Reformen klar ankündigen. In der NATO braucht es eine Vision für einen gestärkten europäischen Pfeiler. In der EU sollte sich Berlin zu zusätzlichen Methoden der gemeinsamen Finanzierung von Rüstungsbeschaffungen verpflichten.
Zweitens sollte Deutschland erklären, wie es die Kommission beim Aufbau eines Binnenmarkts für Verteidigungsgüter unterstützen wird. Die Entwicklung eines solchen Marktes erfordert den Verzicht auf Artikel 346 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU (AEUV), der die nationale Autonomie in Sicherheitsfragen bezüglich Rüstungsproduktion und -handel schützt.
Drittens sollte Berlin die sich überschneidenden bilateralen und multilateralen Formate kritisch bewerten. Obwohl diese beispielsweise das Vereinigte Königreich einbeziehen und die Verteidigungsfähigkeiten verbessern, birgt ihre Vielzahl die Gefahr eines Verlusts strategischer Kohärenz. Sie sollten priorisiert und in den Entscheidungsprozess der EU integriert werden.
Deutschland will auf mehreren Fronten um die Führung kämpfen. 2025 verfügte das Verteidigungsministerium über einen Rekordhaushalt von 86,37 Milliarden Euro. Auf europäischer Ebene wurden die Beziehungen zu wichtigen Partnern gestärkt: Ein neues Kapitel in den Beziehungen zu Frankreich wurde aufgeschlagen, ein Freundschaftsvertrag mit dem Vereinigten Königreich unterzeichnet. Seit Kriegsbeginn hat Deutschland Waffen im Wert von 40 Milliarden Euro an die Ukraine geliefert.
Trotz der deutschen Aktivität begrenzt die Realität die deutschen Ambitionen. Der Koalitionsvertrag definiert umfassende europäische strategische Souveränität, benennt jedoch weder Ziele noch Veränderungen. Die Umsetzung der IEP-Vorschläge könnte zu einer Einschränkung der nationalen Kontrolle über Verteidigungsentscheidungen führen, insbesondere in den Bereichen Beschaffung, Produktion und Rüstungspolitik. Das IEP setzt auf die Stärkung des europäischen Pfeilers der NATO, doch in der Praxis könnte eine größere EU-Autonomie das Gleichgewicht zwischen Bündnisstrukturen und nationalen Entscheidungen verschieben.