Der wichtigste deutsche Think Tank im Bereich Auslandsinvestitionen, Germany Trade and Invest (GTAI), stellt in seiner Analyse fest, dass Polen seine geografische Lage nutzt und internationales Kapital anzieht, Tausende Arbeitsplätze schafft und die Entwicklung der Küstenregionen stimuliert. Das ist die Chance auf eine neue Ära im polnischen Handel – eine Ära der Dominanz auf See.

Die polnische Regierung hat eine Verdreifachung der Hafenkapazitäten bis 2030 angekündigt, um den Seehandel zu stärken und die Abhängigkeit vom Import russischer Energierohstoffe zu verringern. Das Wachstum des Warenumschlags in den letzten Jahren, angetrieben durch neue Handelsrouten und EU-Fonds, zeichnet ein vielversprechendes Bild einer auf den Seetransport gestützten Wirtschaft.

Der Hafen von Gdańsk, der größte Hafen Polens, verzeichnete eine beeindruckende Entwicklung. Zwischen 2015 und 2024 hat sich der Warenumschlag verdoppelt und Rekordniveaus erreicht. Ein Schlüsselelement ist das Terminal Baltic Hub, wo im Juni 2025 der Abschnitt T3 in Betrieb genommen wurde. Diese Investition steigert die jährliche Containerumschlagskapazität um 1,5 Millionen TEU, was insgesamt 4,5 Millionen TEU ergibt. Neue Seeverbindungen mit den USA, China, Südkorea und Vietnam, bedient durch die Reederei MSC, öffnen die Türen für den Automobilexport aus den Hyundai- und Kia-Werken in Tschechien und der Slowakei sowie für Stahl aus den Nachbarländern.

Deutsche Investitionen spielen bei der Entwicklung der polnischen Häfen ihre Rolle, etwa baut der Konzern Orlen in Zusammenarbeit mit der deutschen Firma Dipl. Ing. Scherzer GmbH ein neues Terminal. In der Nähe plant Gaz-System ein schwimmendes LNG-Terminal mit einem Wert von über einer Milliarde Euro. Dagegen ist die türkische Firma GAP für die Unterwasser-Pipelines zuständig. Diese Projekte diversifizieren nicht nur die Energiequellen, sondern stärken auch die Position von Gdańsk als Tor zu Osteuropa. Der steigende Anteil von Energierohstoffen am Handel, wie Erdöl und LNG, von 27,1 % im Jahr 2015 auf 44,4 % im Jahr 2024, zeigt die Richtung der polnischen Seeimporte.

The total weight of goods transported to/from main ports in the EU by short sea shipping was 1.6 billion tonnes in 2023. 🛳📦Busiest short sea shipping port:🇳🇱 Rotterdam (159 million tonnes)Explore more in 'Key figures on Europe - 2025 edition' 👉 https://t.co/b4gKxY5Rw5 pic.twitter.com/U6Qv3QJwTB

— EU_Eurostat (@EU_Eurostat) August 25, 2025

Der Hafen von Gdynia ist laut GTAI ein Schlüsselprojekt. Auf einer künstlichen Halbinsel entsteht ein Containerterminal mit einer Kapazität von 2,5 Millionen TEU jährlich. Die geschätzten Kosten betragen rund eine Milliarde Euro, wobei aktuelle Bewertungen höher ausfallen könnten. Die Auswahl des privaten Partners wurde von Polen jedoch auf Oktober 2025 verschoben, aufgrund geänderter Bedingungen. Die Investition wird die Hinterlandanbindung verbessern, einschließlich des Ausbaus von Eisenbahnlinien, wie der Linie Nr. 201 von Bydgoszcz nach Gdynia. PKP PLK plant ein viertes Gleis im Raum Gdańsk, mit Ausschreibungen in naher Zukunft. Gdynia wird damit zur Ergänzung von Gdańsk und konzentriert sich auf Container und Massengüter, was den Export aus der Region unterstützt und ausländische Investoren anzieht.

In Świnoujście entsteht ein neues Containerterminal für rund 2,4 Milliarden Euro. Das Projekt umfasst 1,3 km Kaimauer mit einer Tiefe von 17 Metern und ein 70 Hektar großes Gelände. Ein belgisch-katarisches Konsortium gewann den Auftrag, trotz Protesten deutscher und polnischer Umweltschützer und Stadtbehörden. Das Verwaltungsgericht in Warschau wies die Klagen im August 2025 ab, was die Realisierung des Projekts ermöglicht.

In Szczecin übernahm die Rhenus-Gruppe Ende 2024 das Terminal Bulk Cargo und unterstrich dessen Rolle in den deutschen Lieferketten für Polen, Tschechien und Ostdeutschland. Der Ausbau des LNG-Terminals in Świnoujście bezog die deutsche Firma TGE Gas Engineering ein. Diese Investitionen stärken den Handel mit Skandinavien und Deutschland und steigern den Umschlag von Massengütern und Energieträgern.

Alle Hafenprojekte in Polen, betont GTAI, werden aus EU- und nationalen Fonds finanziert, was die Belastung des Staatshaushalts minimiert. Die EU unterstützt die Infrastrukturentwicklung im Rahmen der Kohäsionspolitik und fördert nachhaltigen Transport. Der wirtschaftliche Nutzen ist vielschichtig: neue Arbeitsplätze in der Logistik, BIP-Wachstum durch Exporte sowie die Verringerung der Energieabhängigkeit. Laut GUS-Daten treibt das Wachstum des Hafenumschlags die Wirtschaft an, mit Prognosen für eine weitere Steigerung bis 2030. Neue Handelsrouten, wie jene mit Asien und Amerika, diversifizieren die Handelspartner und schützen vor geopolitischen Risiken.

Polens Ambitionen gehen laut GTAI jedoch weiter und sehen eine Verdreifachung der Hafenkapazitäten vor, was Polen zum Marktführer an der Ostsee machen würde. Der Ausbau der Eisenbahn, wie die Linie 273 von Wrocław nach Szczecin, wird eine bessere Hinterlandanbindung gewährleisten.