Deutschland verliert den Boden unter den Füßen. Die Schweiz, traditionell als teures Eldorado wahrgenommen, wird zum Vorbild der Effizienz. Längere Arbeitszeiten, niedrigere Fehlzeiten, günstigere Energie und eine wirtschaftsfreundliche Verwaltung bilden einen Cocktail, der deutsche Unternehmen lockt.
Die Schweizer Zeitung „Neue Zürcher Zeitung" veröffentlichte einen Artikel, der in Deutschland für Schockwellen sorgte, denn die Arbeitskosten pro Stunde in Industrie und Dienstleistung sind dort bereits höher als in der Schweiz. Im Jahr 2024 kostete eine Arbeitsstunde in Deutschland durchschnittlich 49,8 Euro, die schweizerische „nur" 48,9 Euro. Noch 2015 war die Schweiz um 20 % teurer. Das ist kein statistischer Irrtum – es ist die Folge galoppierender Energiekosten, Bürokratie und Steuern in Deutschland bei gleichzeitig sinkender Produktivität.
Deutsche Unternehmen klagen immer lauter. Hohe Sozialabgaben, horrende Strompreise – dreimal so hoch wie in den USA –, steigende Mindestlöhne und ein Berg an Regulierungen machen die Produktion in Deutschland zum Luxus. Automobil- und Chemiekonzerne verlagern Fabriken in die USA, nach China oder eben nach Polen und Ungarn. BASF, Volkswagen und Siemens haben bei uns bereits Milliarden investiert – denn in Polen kostet eine Arbeitsstunde in der Industrie rund 13–15 Euro. Der Unterschied ist erdrückend.
In Deutschland verdient ein Büroangestellter, ein qualifizierter Arbeiter oder ein Ingenieur in der Regel weniger als sein Schweizer Pendant. Und trotzdem kostet er den Arbeitgeber fast genauso viel. Besonders die süddeutschen Industrieunternehmen haben das längst bemerkt. Experten der Beratungsfirma Roland Berger, die OECD-Daten analysierten, stellten fest, dass die jährlichen Bruttoarbeitskosten vor Steuern und Abgaben in der teuren Schweiz 2024 umgerechnet 110.000 Dollar betrugen, also geringfügig mehr als in Deutschland (107.000 Dollar). „Dieses Minus kompensiert die Schweiz durch deutlich längere Arbeitszeiten und höhere Produktivität" – sagt Marcus Berret, Global Managing Director bei Roland Berger.
Die Unterschiede bei der Arbeitszeit sind frappierend. In der Schweiz betrugen die durchschnittlichen jährlichen Arbeitsstunden pro Beschäftigten im vergangenen Jahr 1520, in Deutschland – 1334. Ein Schweizer arbeitet also fast 200 Stunden im Jahr mehr als ein Deutscher, was fast fünf Wochen entspricht. In den USA liegt dieser Wert bei rund 1800 Stunden, in Japan bei 1600.
„Gemessen an den Arbeitskosten pro Stunde kann ich klar bestätigen, dass die Schweiz bereits auf Augenhöhe mit Deutschland ist" – sagt Till Küppers, Geschäftsführer bei Trumpf Werkzeugmaschinen.
Laut den nationalen statistischen Ämtern haben Deutsche effektiv 31 Urlaubstage, Schweizer – 26. Zur kürzeren Arbeitszeit in Deutschland kommt noch ein hoher Krankenstand hinzu. In der Bundesrepublik beträgt die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage für Vollzeitbeschäftigte laut OECD 18 Tage pro Jahr, in der Schweiz – 11.
Bei den Standortvorteilen schlägt das Pendel noch stärker in Richtung Schweiz aus, wenn man die Strompreise und Körperschaftssteuern betrachtet. Im vergangenen Jahr betrug der Industriestrompreis in der Schweiz laut Roland Berger umgerechnet 148 Euro pro Megawattstunde (MWh), in Deutschland – 189 Euro. Die Schweiz war also um 22 Prozent günstiger, was für energieintensive Branchen ein enormer Vorteil ist. Zudem ist der Schweizer Energiemix dank Atom- und Wasserkraft deutlich „grüner" als nördlich des Rheins, was viele Unternehmen anzieht.
Küppers von Trumpf verweist auf noch einen großen Vorteil der Schweiz.
„Die dortigen Behörden sind deutlich hilfsbereiter und wirtschaftsfreundlicher als in Deutschland" – sagt der Manager. Ganz gleich, ob es um eine Standorterweiterung, ein Genehmigungsverfahren oder sogar Schnee auf dem Fabrikdach geht, die Schweizer Behörden arbeiten sehr lösungsorientiert und helfen. In Deutschland entsteht ein solches Gefühl nicht immer.
Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bestätigte kürzlich, dass hohe Arbeitskosten zur Belastung für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands werden. Im Jahr 2024 lagen die Arbeitskosten in der deutschen Industrie um 22 Prozent über dem Durchschnitt in 27 vergleichbaren Industrieländern und um 15 Prozent über dem Eurozone-Durchschnitt. Anders gesagt: Um eine Einheit Ware zu produzieren, mussten deutsche Unternehmen mehr als ein Fünftel mehr an Löhnen und Gehältern zahlen.
IW-Ökonom Christoph Schröder erwartet, dass die Kosten in Deutschland in den kommenden Jahren steigen werden – nicht zuletzt wegen des Fachkräftemangels, der die Löhne nach oben treibt. Helfen könnte unter anderem eine Begrenzung der Lohnnebenkosten. Ohne eine Reform der Sozialsysteme steuert der Standort Deutschland Schritt für Schritt auf die Deindustrialisierung zu.