Nach fast einem Jahrzehnt mühsamer Verhandlungen steht die Europäische Union an der Schwelle zu einem historischen Durchbruch in den Beziehungen zu Indonesien. Am Dienstag, dem 23. September 2025, soll EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič auf der Insel Bali das Comprehensive Economic Partnership Agreement (CEPA) – ein umfassendes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen – unterzeichnen. Das ist nicht nur ein Dokument auf Papier, sondern eine strategische Brücke, die die größte Volkswirtschaft Südostasiens ins Zentrum der EU-Handelsagenda rücken soll.

Die Unterzeichnung des CEPA auf Bali ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Die Ratifizierung im Europäischen Parlament und im indonesischen Kongress kann Monate dauern, doch bereits jetzt signalisiert das Abkommen einen Paradigmenwechsel. Indonesien stärkt als Tor zu ASEAN (mit einem Markt von 650 Millionen Verbrauchern) die Position der EU im Indo-Pazifik. Für Brüssel ist das eine Lektion: Handel muss inklusiv sein, um in einer multipolaren Welt zu bestehen.

Die Gespräche über CEPA begannen im Juli 2016, nach einer gemeinsamen Untersuchung des Abkommensumfangs im April desselben Jahres. Acht Jahre lang stockten die Verhandlungen – die 19. Runde fand erst im Juli 2024 statt. Der Durchbruch kam am 13. Juli 2025, als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indonesiens Präsident Prabowo Subianto eine politische Einigung verkündeten. Dieses Ereignis, von Jakarta als „historisch" bezeichnet, beschleunigte die Finalisierung. Šefčovič soll zusammen mit dem indonesischen Koordinierungsminister Airlangga Hartarto den Deal bis Ende September abschließen und die ad hoc einberufenen Verhandlungsrunden beenden.

Für Brüssel ist CEPA ein Element der breiteren Derisking-Strategie – der Reduktion der Abhängigkeit von China, die sich nach der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine verstärkt hat. Die Union sieht in Indonesien mit seinen 270 Millionen Einwohnern und einem jährlichen BIP-Wachstum von 5 % eine Chance auf stabile Lieferungen kritischer Rohstoffe, wie Nickel – unverzichtbar für Elektrobatterien. Für Indonesien wiederum, den größten muslimischen Staat der Welt, ist das Abkommen ein Tor zu den globalen Märkten mit der Perspektive einer Verdoppelung des Handelsvolumens auf 60 Milliarden Dollar jährlich.

CEPA umfasst 21 Bereiche und schafft einen umfassenden Rahmen für Handelsaustausch und Investitionen. Die zentralen Säulen sind Waren- und Dienstleistungshandel, Investitionen, Zollverfahren, digitaler Handel sowie nachhaltige Entwicklung. Das Abkommen sieht die Senkung vieler EU-Zölle auf indonesische Produkte vor, um die Agrar-, Automobil- und Dienstleistungssektoren anzukurbeln. Indonesien, das hauptsächlich Palmöl (über 50 % des EU-Imports), Textilien und Nickel exportiert, erhält Zugang zum 450-Millionen-Markt der EU ohne Zollschranken. Auf der anderen Seite setzt Europa auf Importerleichterungen für Maschinen, Autos und Technologie – Branchen, in denen vor allem deutsche Hersteller dominieren.

Investitionen sind ein weiteres wichtiges Thema des Abkommens. Die Vereinbarung soll Markteintrittsbarrieren senken, Kapital vor politischen Risiken schützen und Arbitragemechanismen gewährleisten. Das ist besonders wichtig für EU-Unternehmen wie deutsche Automobilkonzerne oder niederländische Elektronikproduzenten, die Alternativen zu chinesischen Fabriken suchen. Indonesien erwartet seinerseits den Zufluss europäischer Mittel für Infrastruktur und grüne Technologien.

Auch an Bestimmungen zur nachhaltigen Entwicklung – dem Herzstück der EU-Handelsphilosophie – fehlt es nicht. CEPA verpflichtet beide Seiten zur Einhaltung von Umweltstandards, Arbeitnehmerrechten und zur Korruptionsbekämpfung.

Für die EU ist CEPA ein Schritt zu mehr strategischer Autonomie, die von Deutschland vorangetrieben wird. Indonesien, mit Nickelreserven von 21 % der weltweiten Vorkommen, wird zum wichtigen Lieferanten für den europäischen Green Deal – von Edelstahl bis zu Elektrofahrzeugen. Es wird geschätzt, dass das Abkommen Tausende Arbeitsplätze in der EU schaffen wird, insbesondere in Häfen wie Rotterdam oder Hamburg, die den indonesischen Export abfertigen.

Aus der Perspektive Jakartas ist das eine Chance zur Modernisierung der Wirtschaft. Die Regierung Prabowo Subianto sieht in CEPA ein Instrument zur Anziehung von FDI (ausländischen Direktinvestitionen), die 2024 aufgrund politischer Instabilität um 10 % gesunken sind. Eine Verdoppelung des Handels auf 60 Milliarden Dollar ist keine Science-Fiction – das aktuelle Volumen beträgt 30 Milliarden, mit Wachstumspotenzial in Tourismus und digitalen Dienstleistungen.

Doch die Euphorie wird durch reale Hindernisse gebremst. Indonesien verteidigt seinen Protektionismus, wie das Exportverbot für rohes Nickel seit 2020, das die heimische Industrie schützt, aber die EU-Partner irritiert. Die EU wiederum erlegt strenge Umweltnormen auf – Streitigkeiten um Palmöl und Antidumping-Zölle auf Edelstahl dauern an. Investitionsbarrieren, fehlende Rechtssicherheit und bürokratische Hindernisse wie Genehmigungen und Korruption schrecken europäische Investoren ab. In der Ankündigung vom Juli wurde betont, dass diese Fragen vor der Unterzeichnung endgültig geklärt werden müssen.