Österreich, einst Symbol wirtschaftlicher Stabilität in Europa, kämpft mit der längsten Rezession in der Nachkriegsgeschichte. Laut dem neuesten Bericht des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) vom September bleibt die Konjunktur schwach, die Inflation beschleunigt auf 4,1 Prozent, und das BIP wächst im zweiten Quartal lediglich um 0,3 Prozent. Vor diesem Hintergrund hat die Regierungskoalition aus ÖVP und Grünen ein Konjunkturpaket im Wert von 1 Milliarde Euro für den Herbst angekündigt.
Der WIFO-Bericht zeichnet ein düsteres Bild. Nach zwei Jahren Rezession stabilisiert sich Österreichs Wirtschaft auf niedrigem Niveau. Das BIP wuchs im ersten Quartal um 0,2 Prozent und im zweiten Quartal 2025 um 0,3 Prozent, aber das ist zu wenig, um von einer Erholung zu sprechen. Die Industrie, zentral für das Land, zeigt in Unternehmerumfragen eine leichte Stimmungsaufhellung, doch die Industrieproduktion sank im zweiten Quartal nach einem anfänglichen Anstieg. Das Bauwesen schrumpft weiter, mit einem Rückgang der Wertschöpfung um 0,4 Prozent im zweiten Quartal.
Die Inflation, die im vierten Quartal 2024 unter dem Durchschnitt der Eurozone lag, entfernt sich nun um 2 Prozentpunkte von diesem. Im Juli erreichte sie 3,7 Prozent, im August – laut vorläufigen Schätzungen von Statistik Austria – 4,1 Prozent (nach dem harmonisierten Verbraucherpreisindex HVPI). Die Hauptschuldigen? Steigende Energiepreise (+8,6 Prozent), Dienstleistungen (+4,5 Prozent) und Lebensmittel (+4,8 Prozent). In der Eurozone liegt die Inflation bei 2,1 Prozent, was die Besonderheit des österreichischen Falls unterstreicht. Die Europäische Zentralbank hält die Leitzinsen seit Juni bei 2,15 Prozent, was im Kampf gegen die Teuerung nicht hilft.
Auch der Arbeitsmarkt leidet. Die Zahl der Beschäftigten ändert sich seit Ende 2023 nicht, und die Arbeitslosigkeit steigt, wenn auch langsamer – im August lag die Quote (einschließlich Personen in Schulungen) bei 8,4 Prozent, 0,2 Prozentpunkte mehr als im Juli. Das sind 367.000 Personen ohne Arbeit, ein Anstieg um 4,2 Prozent im Jahresvergleich. Unternehmen melden weniger offene Stellen, was eine angespannte Lage signalisiert.
Ähnliche Probleme zeigen sich bei den Nachbarn. In Deutschland verliert laut einem Bericht der Deutschen Bank vom Juli der Export seit 2015 an Wettbewerbsfähigkeit, angesichts der Herausforderungen durch China und die USA. Dort sank das BIP im zweiten Quartal ebenfalls um 0,3 Prozent, bei niedrigerer Inflation. Österreich, abhängig vom Handel mit Deutschland (8. Platz unter den Top-25-Handelspartnern Berlins, Umsatz von 65,8 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2025, Wachstum um 2,1 Prozent), spürt diese Turbulenzen. Wie die Deutsche Bank betont, sucht Deutschland neue Märkte im Globalen Süden, was Wien inspirieren könnte.
Als Reaktion auf die Krise hat die Regierung von Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) und Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) ein „Herbstpaket" im Wert von 1 Milliarde Euro verabschiedet. Es konzentriert sich auf Wachstum, Beschäftigung, Preise und Wettbewerbsfähigkeit bei gleichzeitiger Wahrung der Haushaltsdisziplin. Die wichtigsten Elemente:
Investitionsanreize: Verdopplung der allgemeinen Investitionsprämie von 10 auf 20 Prozent und der ökologischen von 15 auf 22 Prozent. Gültig von November 2025 bis Dezember 2026, mit Budgetauswirkungen von rund 220 Millionen Euro in 2026 und 2027. Ziel: Anreize für Investitionen in die grüne Transformation.
Unterstützung für energieintensive Branchen: 150 Millionen Euro (75 Millionen jährlich in 2025 und 2026) als Kompensation für Energiekosten. Das Entschädigungsgesetz soll in dieser Woche novelliert werden.
Digitale Infrastruktur: 120 Millionen Euro für den Breitbandausbau (40 Millionen jährlich in 2027–2029), um Wirtschaftsstandorte zu stärken.
Arbeitsmarkt: Qualifizierungsoffensive für Fachkräfte, Stärkung der beruflichen Ausbildung, Zuverdienstmodell für Pensionisten, Aktion „55 Plus" gegen Langzeitarbeitslosigkeit, Einfrierung der Geringfügigkeitsgrenze bis 2027. Es wird ein Standortfonds zur Mobilisierung privaten Kapitals eingerichtet.
Inflationsbekämpfung: Begrenzung der Mietindexierung auf 1 Prozent im Jahr 2026 und 2 Prozent im Jahr 2027.
„Die Herausforderungen sind enorm: hohe Inflation, vorsichtiges Wachstum, geopolitische Unsicherheit. Der Weg zur Erholung ist ein Marathon" – sagt Wolfgang Hattmannsdorfer vom Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus (BMWET). Markus Marterbauer ergänzt: „Wir müssen die Wirtschaft ankurbeln und die Inflation nachhaltig bekämpfen." Staatssekretär Sepp Schellhorn appelliert für Strukturreformen und Bürokratieabbau.
Medien wie „Der Standard" nennen das Paket einen „Mini-Wumms" – in Anlehnung an die deutschen Konjunkturpakete. Nach zwei Jahren Rezession sucht die Koalition nach Mitteln für kleine konjunkturelle Impulse. Die Opposition kritisiert: Zu wenig ambitioniert, es gehe nicht um strukturelle Probleme wie Bürokratie oder fehlende Innovation. WIFO-Experten weisen darauf hin, dass die Stimmungsaufhellung in der Industrie fragil ist und die Geopolitik (US-Zölle) die Lage verschlechtert.
Im Vergleich zu Deutschland, wo die Deutsche Bank drei Säulen vorschlägt – Stärkung des EU-Marktes, Abkommen mit dem Süden und Handelsverteidigung –, erscheint das österreichische Paket bescheiden. Dort könnte der Export in den Globalen Süden 125 Milliarden Euro Wachstum bringen. Österreich könnte mit ähnlichen Herausforderungen (China als Rivale im High-Tech-Bereich) von der Integration in die EU-27 profitieren, wo die Barrieren einem Zolläquivalent von 44 Prozent für die Industrie entsprechen.