Das seit Jahrzehnten wiederkehrende Projekt der Trans-Saharan Gas Pipeline (TSGP) tritt in eine neue Phase ein. Nach Jahren der Analysen, Machbarkeitsstudien und leerer politischer Erklärungen fiel Anfang 2026 die Ankündigung des tatsächlichen Baubeginns.

Die Initiative, die den Transport von Erdgas aus Nigeria über Niger nach Algerien und anschließend nach Europa, vornehmlich nach Italien, ermöglichen soll, wird nicht mehr nur als strategisches Konzept wahrgenommen, sondern als Infrastrukturprojekt mit einem realistischen Zeitplan.

Den entscheidenden Impuls liefern die Mitteilungen der algerischen Regierung. Präsident Abdelmadjid Tebboune kündigte an, dass die praktischen Arbeiten an der TSGP unmittelbar nach dem Monat Ramadan beginnen werden, was in der Praxis einen Baubeginn an der Wende von März zu April 2026 bedeutet. Diese Erklärung wurde als Übergang von der Rhetorik zur operativen Phase aufgefasst.

Der Neustart des Projekts fiel mit einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Algerien und Niger nach einer langjährigen Phase diplomatischer Spannungen zusammen. Die Normalisierung der Beziehungen schuf die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der infrastrukturellen Zusammenarbeit, einschließlich überregional bedeutsamer Energieprojekte. In den diplomatischen Mitteilungen beider Seiten tauchten Hinweise auf eine „neue Dynamik der Partnerschaft" auf, in der die TSGP eine zentrale Stellung einnimmt.

Die TSGP bleibt eines der ambitioniertesten Gasprojekte der Welt. Ihre Länge beträgt etwa 4.100–4.200 km, die Durchsatzkapazität 30 Mrd. m³ pro Jahr, die geschätzten Investitionskosten (CAPEX) belaufen sich auf etwa 13 Mrd. USD, und die Trasse verläuft von Nigeria über Niger nach Algerien.

Erdgas aus Nigeria, einem Land mit einer der größten Reserven Afrikas, soll nach Algerien gelangen und dort in das bestehende Exportsystem eingespeist werden. Ein wesentliches Element der Projektökonomie ist die Möglichkeit, die bereits bestehenden Verbindungen Algeriens mit Europa zu nutzen. Der am häufigsten genannte Transportkanal ist die Trans-Mediterranean Pipeline (TransMed), die Algerien und Tunesien mit Italien verbindet. Alternativ könnte ein Teil des Volumens zu den algerischen LNG-Terminals geleitet werden.

Das Projekt basiert auf der Zusammenarbeit dreier Staaten und ihrer nationalen Energieunternehmen: Sonatrach (Algerien), NNPC (Nigeria) und SONIDEP (Niger). Algerien fungiert als zentraler Exporthub, Nigeria als Rohstofflieferant und Niger als Transitland. Die Finanzierungsstruktur soll konsortial ausgestaltet werden, mit potenzieller Beteiligung internationalen Kapitals.

Infolge des Krieges in der Ukraine setzt Europa seine Strategie zur Diversifizierung der Gasversorgung fort. Obwohl LNG zum dominierenden Flexibilitätsinstrument geworden ist, spielen Pipeline-Projekte nach wie vor eine wichtige Rolle beim Aufbau stabiler, langfristiger Lieferbeziehungen, und Algerien nutzt die Situation, um seine Position als wichtiger Gaslieferant der EU zu stärken.

Die TSGP wird dazu beitragen, das Exportvolumen und die Bedeutung des Landes im südlichen Gaskorridor zu steigern. Auch Nigeria profitiert davon, da es auf der Suche nach neuen Exportrouten die bisherige Konzentration auf LNG diversifiziert.

In den letzten Jahren wurden die Machbarkeitsstudien und der rechtliche Rahmen aktualisiert, wodurch ein Teil der formalen Hürden abgebaut werden konnte. Die Hauptrisiken bleiben jedoch bestehen. Allen voran steht die Sicherheit der Trasse, da die Sahelzone ein Gebiet mit erhöhtem Risiko bleibt. Die Kosten für den Schutz der Infrastruktur werden die Betriebskosten (OPEX) des Projekts erheblich beeinflussen. Andererseits stellen sie einen überzeugenden Vorwand für die militärische Präsenz europäischer Kräfte in dieser Weltregion dar.

Hinzu kommen mögliche Staatsstreiche in Niger, Regierungswechsel, regionale Spannungen und allgemeine institutionelle Instabilität. All dies zusammen wird mit Sicherheit den Zeitplan, die Finanzierung und deren Kosten beeinflussen, und großangelegte Gasprojekte stoßen ohnehin auf zunehmende Beschränkungen durch Klimapolitik und ESG-Kriterien.

Sollte der Bau tatsächlich wie angekündigt beginnen, wird die TSGP zu einem der wichtigsten Infrastrukturprojekte, die Afrika mit Europa verbinden. Die potenziellen 30 Mrd. m³ pro Jahr werden den EU-Markt nicht revolutionieren, könnten aber die Diversifizierung stärken, die Stabilität des südlichen Versorgungskorridors deutlich erhöhen und preisstabilisierend im Mittelmeerraum wirken.

Das Jahr 2026 könnte sich als Wendepunkt für das Projekt Trans-Saharan Gas Pipeline erweisen. Die offiziellen Ankündigungen des Baubeginns nach dem Ramadan deuten auf den Übergang in die Umsetzungsphase hin, wenngleich die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zur Vorsicht mahnen. Vorerst bleibt die TSGP ein Projekt mit hohem strategischem Potenzial und ebenso hohem Risikoprofil. Seine Entwicklung wird ein wichtiger Indikator dafür sein, ob in der Ära der Energiewende und geopolitischer Unsicherheit Mega-Pipeline-Projekte noch auf dauerhafte politische und finanzielle Unterstützung zählen können. Andererseits ist es ein Lackmustest für Europas Wiedereinstieg in das Ringen um Afrika.

Artikel ursprünglich als Expertenkommentar auf dem Portal CIRE.pl veröffentlicht.