Die World Nomad Games sind eine Veranstaltung, die das kulturelle Erbe und die Traditionen der Nomadenvölker pflegt. Das Event, das die klassischen Sportdisziplinen der Nomaden populär machen soll, zieht seit zehn Jahren nicht nur Bewohner der Region an, sondern auch Sportler, Journalisten und Zuschauer aus aller Welt. Der Initiator des Events, der ehemalige Präsident Kirgisistans Almasbek Atambajew, dem besonders an der Popularisierung der traditionellen Bräuche der Nomadenvölker im Gebiet des heutigen Zentralasiens gelegen war, erklärte seinerzeit, dass ungeachtet der Tatsache, dass ein großer Teil des Erbes der Nomadenzivilisation in Vergessenheit geraten sei, die Atmosphäre der nomadischen Lebensweise immer noch in der Luft liege, da ihre Stärke in der Fähigkeit wurzele, im Einklang mit der Natur zu leben. Er vertrat zudem die – im Übrigen äußerst treffende – Ansicht, dass die Pflege der Kultur und Tradition der Großen Steppe in Zeiten der Globalisierung besonders wichtig sei. Dieser Gedanke gewann nach den Olympischen Spielen in Paris besondere Bedeutung.
Die Eröffnungsfeier der diesjährigen Olympischen Spiele, die klassische Werte verhöhnte und von links-liberaler Propaganda triefte, bündelte wie in einem Brennglas die derzeit im Westen vorherrschenden ideologischen Tendenzen. Tendenzen, die früher oder später den globalen sportlichen Wettbewerb auf den Kopf stellen werden.
Die World Nomad Games finden seit 2014 alle zwei Jahre statt (mit Ausnahme von 2020, als die Veranstaltung wegen der COVID-19-Pandemie abgesagt wurde). Die ersten drei Austragungen fanden in der kirgisischen Stadt Tscholpon-Ata am Ufer des Issyk-Kul-Sees statt. 2022 zog die Veranstaltung in das türkische Iznik um, um in diesem Jahr bei der fünften Ausgabe in der kasachischen Hauptstadt Astana gastieren. Die Veranstaltung gewinnt von Ausgabe zu Ausgabe an Bedeutung und Beliebtheit. Die seit zehn Jahren stattfindenden Spiele versammeln Sportler, Künstler, Handwerker und einfache Zuschauer aus allen Ecken der Welt. 2014 nahmen 583 Sportler aus 19 Ländern teil, die in 10 Disziplinen wetteiferten, 2016 waren es bereits 1.200 Sportler aus 62 Ländern, und die Zahl der Disziplinen stieg auf 26. Zwei Jahre später nahmen 2.000 Sportler aus 82 Staaten an den World Nomad Games teil und traten in 37 Disziplinen an. Die türkische Ausgabe erfreute sich noch größerer Beliebtheit. Nach Iznik kamen 3.000 Sportler aus 102 Ländern. Sie wetteiferten in 13 Disziplinen. An der kasachischen Ausgabe sollen über 2.000 Sportler aus 89 Staaten teilnehmen, die in 21 Disziplinen antreten werden.
Die World Nomad Games haben neben der Verbreitung der Nomadenkultur auch die Aufgabe, die Entwicklung der Ethnosport-Bewegung zu fördern, deren Ziel es ist, das öffentliche Bewusstsein für traditionelle Sportarten und Spiele zu stärken.
Die Disziplinen unterscheiden sich – wenn auch nicht alle – von den populären Sportarten, die wir bei Olympischen Spielen oder Kontinentalmeisterschaften verfolgen können. Das größte Interesse ziehen die Ringkämpfe auf sich. Sie finden sowohl in allgemein bekannten als auch in für die Nomadengemeinschaften typischen Varianten statt. Beachtenswert sind auch die Strongman-Wettbewerbe – Mächtige Nomaden. Die Veranstaltung prüft außerdem die Jagdfertigkeiten. Dafür werden – der Tradition entsprechend – Greifvögel eingesetzt. Darüber hinaus können die Zuschauer Sportler beim Tauziehen, beim Ringen zu Pferde oder bei traditionellen Strategie- und Geschicklichkeitsspielen bewundern. Bei der diesjährigen Ausgabe werden insgesamt 97 Medaillensätze vergeben, und das Preisgeld beträgt 253 Millionen Tenge, was etwa 530.000 US-Dollar entspricht.
Astana – Hauptstadt der Nomaden
Das Motto der diesjährigen Ausgabe lautet Begegnung in der Großen Steppe (Uly Dala Dubiri). Das Logo zeigt einen Sonnenreiter auf dunkelrotem Hintergrund, der die Schlichtheit und Anmut des Halbedelsteins Karneol symbolisiert. Die auf dem Symbol platzierten Buchstaben sind im Stil der türkischen Schrift des 8. bis 10. Jahrhunderts gehalten. Die Wahl des Veranstaltungstermins ist kein Zufall. Für die Nomaden bedeutete der September den Monat des Übergangs vom Sommer zum Winter. Traditionell wurde dies mit Spielen und Vergnügungen gefeiert. Astana bereitet sich mit Hochdruck auf die Spiele vor. Straßen und Sportanlagen werden saniert. Eine breit angelegte Werbekampagne läuft. Es steht außer Zweifel, dass die Spiele eine hervorragende Gelegenheit zur Entwicklung des Tourismussektors und zum Aufbau eines positiven Staatsimages auf der internationalen Bühne sein werden. Für Menschen von außerhalb Zentralasiens bieten die World Nomad Games eine einzigartige Gelegenheit, in die pulsierenden und vielfältigen Kulturen der Nomadenvölker einzutauchen.
Die Kultur der Nomadenvölker ist einzigartig. Sie verbindet und zeigt die Vielfalt der Lebensweisen innerhalb eines Modells.
Sport ist jedoch nicht alles. Die World Nomad Games beinhalten auch ein wichtiges kulturelles Element. Bei der Eröffnungszeremonie am 8. September im Stadion Astana Arena wird das Spektakel „Astana ist die Hauptstadt der Nomaden" aufgeführt, das von Leitern internationaler Sportverbände und ausländischen Gästen verfolgt wird. Darüber hinaus werden die täglichen Kulturveranstaltungen reich an Ausstellungen und Messen sein, die traditionelles Nomadenhandwerk präsentieren; es wird auch möglich sein, regionale Speisen und Getränke zu probieren. Die Organisatoren haben zudem die wissenschaftliche Konferenz „Nomaden: Geschichte, Wissen, Lehren" geplant.
Mit Sicherheit wird der kasachische Präsident als erfahrener Diplomat die Veranstaltung zum Aufbau internationaler Beziehungen nutzen. Das Sportereignis wird eine hervorragende Gelegenheit zur Stärkung der Einheit und regionalen Identität sein, was wiederum in die von allen Staatschefs Zentralasiens betriebene Politik des Aufbaus politischer und kultureller Unabhängigkeit passt. Die Veranstaltung wird natürlich nicht die drängenden Probleme der Region lösen, aber das Bewusstsein für die Bedeutung der gemeinsamen reichen Kultur und des zu pflegenden Erbes schärfen. Dr. Stuart Murray hat zu Recht bemerkt, dass „Sportdiplomatie weit mehr als Soft Power ist. Sie ist der strategische Einsatz von Sport, um Menschen, Nationen und Institutionen durch die gemeinsame Liebe zu körperlicher Betätigung einander näherzubringen"[1].
In den letzten Jahren hat sich die Lage in Zentralasien stark verändert. Die Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan, der Krieg in der Ukraine und die Ereignisse vom Januar 2022 in Kasachstan haben die politische Situation in der Region erheblich beeinflusst.
Präsident Tokajew bemerkte, dass die Veranstaltung „sowohl für die Popularisierung nationaler Sportdisziplinen und eines gesunden Lebensstils als auch für die Vertiefung der kulturellen und humanitären Beziehungen zwischen den Brudervölkern – den Erben der Nomadenzivilisation der Großen Steppe" von Bedeutung sei[2].
Die regionale Integration durch Sportdiplomatie fügt sich in einen bereits seit einigen Jahren sichtbaren politischen Trend ein. Neben den seit vielen Jahren bestehenden institutionalisierten Kooperationsformaten wie der Eurasischen Wirtschaftsunion oder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit entstehen wie Pilze nach dem Regen neue, mehr oder weniger formalisierte Plattformen regionaler Kooperation politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Natur. Immer mehr Staaten bekunden den Wunsch, die Zusammenarbeit mit den Staaten Zentralasiens zu verstärken. Die Region gewinnt an Bedeutung.
In Zeiten allgegenwärtiger Globalisierung und kultureller Homogenisierung sind die World Nomad Games ein löbliches Beispiel für das Bestreben, die nationale und regionale Identität zu bewahren und zu verteidigen. Auf diese Weise werfen die Staaten Zentralasiens in voller Absicht und Konsequenz das Joch der postsowjetischen Kultur ab, die seit Jahrzehnten in dieser Region vorherrschte. Die asiatischen „-stans" wollen sich, indem sie sich von einer Vorherrschaft befreien, nicht einer anderen unterwerfen. Sie wollen den Moskauer Stiefel nicht gegen den chinesischen oder amerikanischen eintauschen, sondern ein eigenes Kulturzentrum aufbauen, das in andere Teile der Welt ausstrahlt. Sie tun etwas, was das amerikanisierte Polen in über dreißig Jahren nicht vermochte.