Indes sprechen die Deutschen immer lauter über die Notwendigkeit, sich „von dem Dogma der Nachkriegsdemut zu befreien“. Berlin sieht darin einen Schritt zur Normalisierung der Beziehungen, doch in Warschau weckt es Befürchtungen über die Erosion des historischen Gedächtnisses.

Für Polen ist Demut eine konkrete moralische und praktische Forderung. Historiker schätzen, dass die materiellen Verluste Polens infolge der deutschen Aggression dem Gegenwert von heute 1,3 Billionen Euro entsprachen – eine Summe, an die Warschau in Brüssel und Berlin regelmäßig erinnert. In der Politik äußert sich Demut in der Erwartung, dass Berlin Entscheidungen, die Polen betreffen, abstimmt. Beispiel ist u. a. die einseitige Einführung von Grenzkontrollen durch Deutschland im Mai 2025, die in Warschau scharfe Proteste auslöste. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski nannte das eine „Geste der Respektlosigkeit“ und argumentierte, das untergrabe die Solidarität angesichts der russischen Bedrohung.

Warschau fordert von Deutschland Unterstützung für die polnische Infrastrukturentwicklung, etwa durch EU-Mittel für Gaspipelines und Autobahnen, als Form der Wiedergutmachung für die Nachkriegsdeindustrialisierung Schlesiens. Diese Erwartungen sind kein Anachronismus. Auch Donald Tusk betonte im Mai 2025 bei seinem Besuch in Berlin: „Ein Reset der Beziehungen bedeutet nicht Vergessen. Das ist keine Schwäche, sondern Stärke, die Vertrauen schafft.“

Auf der anderen Seite argumentieren die Deutschen immer mutiger für eine „Normalisierung“. Kanzler Merz, im Februar 2025 gewählt, kündigte den „Wiederaufbau der Beziehungen mit Polen und Frankreich“ an, jedoch zu gleichberechtigten Bedingungen, ohne „ewige Buße“.

In einer Rede vor dem CDU-Forum im April erklärte Merz:

- Die Nachkriegsdemut war notwendig, doch nach 80 Jahren müssen sich die Deutschen befreien, um ein starker Anführer Europas zu sein.

In der Politik kritisiert Berlin Polen wegen „Nationalismus“, vor allem nach der Wahl des Präsidenten der Republik Polen Karol Nawrocki im Juni 2025, der als konfrontativ wahrgenommen wird.

Ein deutscher Beamter warnte im Juni, die Beziehungen könnten „weniger harmonisch“ werden, wenn Warschau das Reparationsthema eskaliere. Statt Demut schlagen die Deutschen „gemeinsame Initiativen“ zu sogenannten gleichen Bedingungen vor – ohne einseitige, polenfreundliche Konzessionen. Wirtschaftlich bedeutet die Befreiung für Berlin Selbstbehauptung. Deutschland, betroffen von der Rezession 2024, sieht in Polen einen Absatzmarkt, aber kein „Bußgeschenk“. Im August 2025 betonte Wirtschaftsminister Robert Habeck im Gespräch mit der „FAZ“:

„Polen ist ein wichtiger Partner, aber nicht auf Kosten der deutschen Steuerzahler.“

Kritiker in Polen weisen darauf hin, dass dies die Tatsache ignoriert, dass die deutsche Nachkriegs-„Demut“ – in Form von Gastarbeitern und Kohäsionsfonds – dazu beigetragen hat, die deutsche Wirtschaft auf Kosten der östlichen Nachbarn wieder aufzubauen. Diese Erzählung weckt Kontroversen. In Diskussionen in Polen ist genau zu hören: „Die deutsche ‚Demut‘ ist ein Mythos; Reparationen für Polen sind kein Almosen, sondern Gerechtigkeit.“

Die deutsch-polnischen Beziehungen im Jahr 2025 sind ein Paradox: einerseits eine Veränderung im Zusammenhang mit dem Machtantritt von Donald Tusk, andererseits wachsende Spannungen rund um die Geschichte.

Polen erwartet Demut als Garantie der Loyalität, die Deutschen – erklären, dass sie Gleichheit als Voraussetzung für die Partnerschaft erwarten. Im April 2025 unterstrich der Bericht von Blue Europe: „Geschichte und Gegenwart verschränken sich in den Herausforderungen der Sicherheit und der Wirtschaft.“

Deutsche Experten schlagen einen „Kompromiss“ vor: einen gemeinsamen Fonds des historischen Gedächtnisses, finanziert durch Berlin, für Bildung und Museen in Polen. Wirtschaftlich – eine tiefere Integration im Rahmen der Drei-Meere-Initiative, mit deutschen Investitionen in grüne Energie. Politisch – regelmäßige bilaterale Gipfeltreffen, wie das für Dezember 2025 in Warschau geplante.

Warum erwartet Polen von Deutschland „Demut“? Polen erinnert an die enormen Verluste aus dem Zweiten Weltkrieg (ca. 1,3 Billionen Euro) und fordert eine Haltung der Demut, verstanden als Respekt, Dialog über Reparationen und gleichberechtigte Behandlung der Interessen in der EU.

Was verstehen die Deutschen unter „Befreiung vom Joch der Schuld“? Kanzler Friedrich Merz und ein Teil der deutschen Eliten sprechen vom Bedarf der „Normalisierung“ – das heißt, Politik zu betreiben, ohne sich ständig auf die Kriegsschuld zu beziehen. In Polen weckt das Befürchtungen über das Verschwinden des historischen Gedächtnisses.