Angesichts der wachsenden Besorgnis über die Sicherheit der Kernenergie fordern Deutsche immer lauter die Abschaltung der grenznah gelegenen Schweizer Atomkraftwerke (AKW). Studien und Berichte unterstreichen die enormen Gefahren für Baden-Württemberg und ganz Süddeutschland im Falle eines Unfalls.

Die Schweizer Kernkraftwerke gehören zu den ältesten der Welt und werden auf der Rechtsgrundlage unbefristeter Bewilligungen betrieben. Nach Angaben deutscher Organisationen erfüllt keines von ihnen die heutigen Sicherheitsstandards. Vier aktive Reaktoren - Beznau 1 und 2, Gösgen sowie Leibstadt - befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Grenze mit Deutschland. So liegt etwa Leibstadt, das vor 41 Jahren in Betrieb genommen wurde, gegenüber von Waldshut-Tiengen in Baden-Württemberg. Der TRAS-Bericht „Grenzenloses Risiko: Gefährdung Deutschlands durch schwere Unfälle in Schweizer Atomkraftwerken“ hebt hervor, dass ihre Nähe und die Wetterbedingungen dazu führen, dass im Falle eines schweren Unfalls Deutschland die Hauptschäden durch die Verstrahlung tragen würde.

Die Autoren des Berichts warnen vor dem Mangel an öffentlicher Information. Studien, die Unfälle auf der Grundlage realer Wetterdaten simulieren, zeigen, dass eine radioaktive Wolke weite Gebiete Süddeutschlands erfassen könnte.

Der TRAS-Bericht analysiert Szenarien eines möglichen Unfalls, die auf Modellen der ENSI (der Schweizer Atomaufsicht), der GRS, von flexRISK, des Öko-Instituts und des Institut Biosphère beruhen. In einem der Szenarien, etwa mit der Freisetzung von radioaktivem Jod und Cäsium, müssten große Teile Baden-Württembergs und sogar Bayerns evakuiert werden. Betroffen wären Städte wie Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart, Mannheim, Heidelberg, Reutlingen, Heilbronn, Ulm, Nürnberg, Augsburg oder München. In Extremfällen - der gesamte Oberrhein.

Laut dem Bericht könnte bei günstigen Winden (aus Nordosten) das Dreiländereck Deutschland-Schweiz-Frankreich eine vollständige Evakuierung von Waldshut-Tiengen bis Freiburg und Basel erfordern. In einem Drittel Deutschlands müssten die Menschen in ihren Häusern bleiben, am besten in fensterlosen Kellern. Die Strahlung könnte zu Tausenden von Todesfällen und Krebserkrankungen führen, warnt der Bericht.

Diese Gefährdung betrifft nach Ansicht der Aktivisten auch das Trinkwasser. Radioaktiver Regen könnte den Bodensee, aus dem Millionen Menschen in Baden-Württemberg versorgt werden, oder den Rhein verseuchen.

Deutsche Umweltorganisationen wie der BUND Hochrhein fordern von der Schweiz sofortige Maßnahmen. Martina Matt, Vorsitzende des BUND:

„Wir fordern, dass die Politik endlich auf die Probleme aufmerksam wird. Und dann wird sie aktiv, übernimmt Verantwortung und übt Druck auf die Schweiz aus, damit sie in naher Zukunft die [Kernkraftwerke] abschaltet.“

Der in Waldshut vorgestellte TRAS-Bericht hat zum Ziel, „die öffentliche und politische Debatte in Deutschland und in der Schweiz anzustoßen“. Die Autoren betonen die Mängel in den Notfallplänen sowie die Tatsache, dass das deutsche Umweltministerium keinen Zugang zu den Schweizer Simulationen hat. Deutschland argumentiert nach dem eigenen Atomausstieg im Jahr 2023, dass die alten Schweizer Reaktoren seine Sicherheit gefährden. TRAS ruft zu einer erneuten Risikobewertung auf, die auch Drohnenangriffe oder bewaffnete Konflikte in Europa berücksichtigt.

Die Schweiz verteidigt sich mit dem Argument, dass ihre Reaktoren die Standards erfüllen.