Im Dezember 2025, vor dem Hintergrund des sich verzögernden Handelsabkommens zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur-Block (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay), wächst in Deutschland das Narrativ eines vermeintlichen strategischen Fehlers. Experten wie Günther Maihold von der Freien Universität Berlin warnen: Wenn Europa das Abkommen nicht unterzeichnet, wird China die Lücke füllen und seine Dominanz in Lateinamerika festigen. Maiholds Interview mit Inforadio.de vom 20. Dezember betont, dass Deutschland als Exportnation eine Expansionschance verpasst, während Peking der Gewinner sein wird.
Das EU-Mercosur-Abkommen, das seit über 25 Jahren verhandelt wird, sollte den Handel mit den südamerikanischen Staaten regeln. Auf dem letzten EU-Gipfel am 18./19. Dezember wurde es erneut vertagt, was Maihold als „mangelnde Ernsthaftigkeit gegenüber einer sehr wichtigen Frage\" interpretiert und auf die chronische Enttäuschung Südamerikas über Europa hinweist.
„Für Europa, einschließlich Deutschlands, ist der Mercosur nicht nur ein Absatzmarkt, sondern eine Quelle kritischer Rohstoffe. Argentinien bietet Lithium und Kupfer, die für die deutsche Energiewende – die Energietransformation – unerlässlich sind\" – betont Maihold.
Das deutsche Narrativ akzentuiert die wirtschaftlichen Vorteile. Es ist vor allem die Automobilindustrie, etwa Volkswagen oder BMW, die im Mercosur einen riesigen Markt für die Expansion sieht. „Auf der anderen Seite würde Südamerika Zugang zum EU-Markt für Agrarprodukte wie Soja und Fleisch aus Brasilien oder Argentinien erhalten. Jedoch blockiert die Opposition in der EU, insbesondere seitens der Landwirte und der Verarbeitungsindustrie, den deutschen Plan.\"
In Deutschland verbindet das Narrativ über den Mercosur Ökologie mit Geopolitik. Die Grünen und die Landwirte kritisieren das Abkommen wegen fehlender Umweltgarantien, etwa bezüglich der Abholzung des Amazonas. Maihold räumt ein, dass diese Bedenken berechtigt sind.
Kanzler Friedrich Merz und die Koalitionsregierung (CDU/SPD/Grüne) balancieren zwischen Exportinteressen und innerem Druck. Die Ablehnung des Abkommens ist laut deutschen Experten „eine Niederlage\".
Ein Schlüsselelement des deutschen Narrativs ist die Rolle Chinas. Peking ist bereits der größte Handelspartner des Mercosur und investiert in Infrastruktur und Rohstoffe. Maihold stellt klar fest: Wenn die EU verzichtet, wird China seine Position stärken. China sucht Zugang zu Lithium (für E-Auto-Batterien) und Kupfer und konkurriert mit Europa. In Argentinien bauen chinesische Unternehmen Minen, in Brasilien – Häfen. Die Verzögerung des Mercosur-Abkommens bedeutet, dass Südamerika sich Peking zuwendet und den Einfluss der EU schwächt.
Geopolitisch ist das ein Verlust für den Westen. China greift über die Belt-and-Road-Initiative wirtschaftlich in die Region ein, was Maihold als Bedrohung für „europäische Werte\" sieht. Deutschland befürchtet, dass ohne das Mercosur-Abkommen Lateinamerika zur chinesischen Einflusssphäre wird, was die globale Position der EU untergräbt.
Maiholds Narrativ spiegelt eine breite Debatte in Deutschland wider: von Think Tanks wie der DGAP bis zu Medien (etwa FAZ, Süddeutsche Zeitung). Experten rufen zu einem Kompromiss auf – einer Stärkung der Umweltklauseln, denn sonst verliert Europa an China. Das deutsche Narrativ unterstreicht, dass die Ablehnung des Mercosur-Abkommens nicht nur ein wirtschaftlicher Schuss ins eigene Knie ist, sondern ein geopolitisches Geschenk an China.