Deutschland, das Land, das für sein Oktoberfest und seine reiche Brautradition berühmt ist, kämpft mit einer beispiellosen Krise in der Brauereibranche. Der Bierabsatz ist 2025 um 6,0 % gesunken und hat den niedrigsten Stand seit den 1990er Jahren erreicht. Das ist ein Drama für viele Hunderte lokaler und regionaler Brauereien, die angesichts sich dynamisch verändernder Konsumgewohnheiten, steigender Produktionskosten und struktureller Probleme der Wirtschaft ums Überleben kämpfen.
Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) wurden 2025 rund 7,8 Milliarden Liter Bier verkauft, was einem Rückgang von 497,1 Millionen Litern gegenüber dem Vorjahr entspricht. Das ist der stärkste Rückgang seit 1993, als die Branche nach der Wiedervereinigung Deutschlands mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen hatte. Ohne alkoholfreie Biere, Malzgetränke und Importe von außerhalb der EU sank der Absatz erstmals in der Geschichte unter 8 Milliarden Liter. Der langfristige Trend ist noch alarmierender, denn seit 2015 ist der Konsum um 18,9 %, also um 1,8 Milliarden Liter, zurückgegangen. Der Inlandsabsatz, der 82,5 % des Marktes ausmacht (6,4 Milliarden Liter), sank um 5,8 %, während der Export (1,4 Milliarden Liter) um ganze 7,0 % zurückging. Besonders schmerzlich war der Rückgang beim Export in Länder außerhalb der EU – um 14,2 %.
Diese Zahlen sind kein Zufall. Die Krise in Deutschland ist das Ergebnis vieler sich überlagernder Faktoren. Erstens: veränderte Verbraucherpräferenzen. Die Deutschen trinken weniger Alkohol – laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sank der wöchentliche Alkoholkonsum bei Männern von 85 % im Jahr 1976 auf 40 % im Jahr 2021, bei Frauen von 54 % auf 23 %. Jugendliche meiden Bier zugunsten von Alternativen wie Wasser, Säften oder Energy-Drinks. Der Trend zur gesunden Ernährung, der durch Medien und Sozialkampagnen gefördert wird, trifft das traditionelle Bier, das als kalorienreich und ungesund wahrgenommen wird.
Der zweite Faktor sind Probleme im Gastronomiesektor. Die COVID-19-Pandemie und die Energiekrise haben bleibende Spuren hinterlassen. Gastronomiebetriebe, die für den Absatz von Fassbier entscheidend sind, kämpfen mit hohen Energiekosten und hohen Arbeitskosten. Tarifverträge haben die Löhne angehoben, was die Budgets zusätzlich belastet. Infolgedessen ist der Bierabsatz in der Gastronomie gesunken, und Brauereien verlieren einen wichtigen Vertriebskanal. Wie Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, betont, hat die Branche zwei Weltkriege und Währungskrisen überstanden, doch die aktuelle Situation könnte die endgültige Insolvenzwelle auslösen.
Im Jahr 2025 wurden Insolvenzen oder Schließungen zahlreicher Brauereien bekannt gegeben. Oettinger in Braunschweig (Niedersachsen) stellte zum Jahresende den Betrieb ein, ebenso die Privatbrauerei Eichbaum in Mannheim. In Bayern, der Wiege des deutschen Brauwesens, wurden unter anderem die Privatbrauerei Märkl (Mai 2025) und die Genossenschaftsbrauerei Rötz (Oktober 2025) geschlossen. In Thüringen ging die Rosenbrauerei Pößneck in die Insolvenz. Das ist nur die Spitze des Eisbergs – allein 2024 wurden in Bayern über ein Dutzend Betriebe geschlossen, darunter die Privatbrauerei Viechtach.
Kommentatoren sehen darin einen Wendepunkt für das deutsche Brauwesen. Wie die Branchenzeitschrift „Getränke Zeitung" berichtet, hat der Sektor durch die Konsumzurückhaltung im Einzelhandel, die Probleme der Gastronomie und den Exportrückgang fast 5 Millionen Hektoliter an Volumen eingebüßt. Das führt zu Liquiditätsmangel und einer beschleunigten Restrukturierung im gesamten Sektor. Viele traditionelle Brauereien werden verschwinden, doch das öffnet die Tür für internationale Innovatoren.
Experten prognostizieren eine weitere Marktkonsolidierung. Große Konzerne wie AB InBev oder Heineken könnten schwächere Akteure aufkaufen, was die traditionell breite Biervielfalt in Deutschland verringern würde. Andererseits entstehen Start-ups, die mit neuen Geschmacksrichtungen experimentieren – alkoholfreie, Craft- oder Bio-Biere. Die Gastronomie könnte sich dank vielfältiger Kulinarikkonzepte erholen, was möglicherweise neue Nischen eröffnet. Wenn das nicht geschieht, könnte die deutsche Brautradition, die zum UNESCO-Welterbe gehört, zum Relikt der Vergangenheit werden.