Es wäre übertrieben zu behaupten, der Protest vor dem Sitz des Energieversorgers in Frankfurt an der Oder habe einen Massencharakter gehabt. Am 18. September versammelten sich dort vielleicht 50 Personen, der Rest waren gewöhnliche Passanten und Schaulustige. Dennoch stellt die für den 1. Dezember geplante Erhöhung der Energiepreise von 35 Cent auf über 51 Cent pro kWh eine ernste Herausforderung für die Stadt dar, die nach deutschen Maßstäben arm ist – schreibt Aleksandra Fedorska, Redakteurin von BiznesAlert.pl Frankfurt.

Im Unterschied zu anderen, wohlhabenderen Städten wie Berlin ist die Preiserhöhung in Frankfurt sehr spürbar. Die polnischsprachige Inhaberin eines Restaurants im lokalen Einkaufszentrum „Lenné Passagen“ hat aus diesem Grund sogar die Speisekarte geändert. „Ich habe ausgerechnet, was es mich kostet, die Pfannkuchengeräte eine Stunde lang zu betreiben. Sie sind die teuersten. Es stellte sich heraus, dass wir 3 Euro pro Stunde zahlen, deshalb wird es vorerst keine Pfannkuchen geben“ – sagt die Restaurantbesitzerin. In Frankfurt werden Pierogi nicht mehr in kochendem Wasser zubereitet serviert. Man kann jedoch weiterhin die gebratene Variante bekommen. Die Bewohner der Stadt sagen, dass die Energiekosten hier kein abstraktes Thema seien, sondern ein sehr konkretes, das die Budgets von Privatpersonen, Firmen und kommunalen Unternehmen spürbar belaste.

Natürlich ist es am einfachsten, die Stadtwerke Frankfurt (Oder) GmbH zu beschuldigen. In der Stadt sind auch Stimmen zu hören, dass an allem die gegen Russland verhängten Sanktionen schuld seien. Manche träumen davon, die Sanktionen aufzuheben und wieder Gas von Putin zu kaufen. Sie glauben, dass ihre wackelige kleine Welt auf diese Weise zur Normalität zurückkehren würde. Doch das ist unmöglich. Die deutsche Energiewirtschaft hat größere Probleme als russisches Gas. Wahrscheinlich würde russisches Gas die schwierige Lage Frankfurts überhaupt nicht verändern. Wie bei anderen lokalen Energieversorgern ergibt sich die Preiserhöhung in dieser Stadt aus einer Kombination vieler Faktoren, einschließlich der in den letzten Jahren betriebenen Politik.

„Ich warte nur noch auf die Rente. Ich bin am Ende“ – sagt ein älterer Mann namens Buri, der das Eingangstor des Heizkraftwerks in Frankfurt bewacht. Herr Buri hat in seinem kleinen Häuschen viel Zeit. „Was war das Schwierigste in Ihrem Berufsleben?“ – fragte BiznesAlert.pl. „Am schwierigsten sind die Nachtschichten. Ich arbeite auch an freien Tagen und Feiertagen. Es gibt nur diesen Arbeitsrhythmus und sonst nichts. Energie muss sicher produziert werden, unabhängig von Tageszeit und Stunde.“ Buri erzählt die Geschichte seiner Kollegin, die mit 55 Jahren einfach schriftlich auf eine große Gehätserhöhung von 1000 Euro netto und eine Beförderung in eine Führungsposition verzichtete, weil sie keine Kraft mehr hatte. Die letzten Jahre waren für sie physisch und psychisch zu schwer.

Junge Menschen sind an dieser Art von Arbeit nicht mehr interessiert. Sie wollen nicht auf das Familienleben verzichten und nachts arbeiten. Obwohl im Frankfurter Kraftwerk die Atmosphäre zwischen den Mitarbeitern und der Werksleitung gut ist. Direktor ist der ehemalige Nuklearexperte Torsten Röglin. Er behandelt alle Mitarbeiter mit gebotenem Respekt und macht den Eindruck eines Mannes, der Menschen positiv motivieren kann. Frank Losensky ist verantwortlich für die Erzeugung von Wärme und Strom in dem noch betriebenen Kohlekraftwerk sowie in dem neuen Gas-Heizkraftwerk, das technisch betriebsbereit ist, aber wegen der unvorhersehbaren Gaspreise nicht die Hauptenergiequelle für die Frankfurter Stadtwerke darstellt. Wie die meisten Mitarbeiter sieht Frank Losensky aus wie Anfang fünfzig und ist ein erfahrener Fachmann. Im Werk arbeiten 34 Mitarbeiter, davon 2 Frauen. Losensky spricht sehr gerne über Energie. Man sieht, dass er stolz und zufrieden ist, dass sein Unternehmen ein völlig neues und sehr modernes Heizkraftwerk auf dem Gelände unmittelbar neben dem in den 1980er Jahren gebauten Steinkohlestaub-Kraftwerk errichtet hat. Für ihn endet die Energieproduktion nicht mit dem Ende der Schicht. Losensky ist einer von 45 Kunden der Stadtwerke Frankfurt, die die Möglichkeit der Anmietung einer Photovoltaikanlage zusammen mit einem kleinen Energiespeicher nutzen. Der Mieter kann dadurch fast 70–80 Prozent des verbrauchten Stroms auf seinem eigenen privaten Dach produzieren.

Torsten Röglin übernahm die Direktorenstelle, als 2019 mit dem Bau des neuen Heizkraftwerks begonnen wurde. Der Bau wurde im geplanten Termin fertiggestellt, was an ein Wunder grenzt, denn die pandemiebedingten Beschränkungen für Anlagen der Kategorie kritische Infrastruktur waren und sind in Deutschland drakonisch. Alle Mitarbeiter tragen im Werk weiterhin FFP2-Masken, halten außerdem die Regeln des sozialen Abstands und andere Vorschriften ein. „In den kritischsten Momenten waren wir sogar darauf vorbereitet, hier zu schlafen, statt nach Hause zurückzukehren. Jetzt stehen die Schlafmöbel im Keller“ – sagt Antje Bodsch von der Pressestelle.

Der Bau des neuen Kraftwerks kostete 60 Millionen Euro und wurde vollständig durch einen Kredit finanziert. „Heute sind die Kosten für die Bedienung eines solchen Kredits doppelt so hoch und ein solcher Bau wäre heute höchstwahrscheinlich nicht mehr möglich“ – räumt Torsten Röglin ein. Die Frankfurter Stadtwerke haben beschlossen, den Betrieb des mit Steinkohlestaub befeuerten Heizkraftwerks bis März 2024 zu verlängern. Die Produktion wird durch ein weiteres kleines Werk im Norden der Stadt unterstützt, das unter anderem Heizöl verwendet. Es ist nicht klar, wie lange das nach dem Embargo gegen russisches Öl ab Anfang nächsten Jahres möglich sein wird. Dasselbe gilt für den Steinkohlestaub, der von den LEAG-Werken in der Lausitz geliefert wird. „Es gibt keine Alternative zu diesen Lieferungen“ – sagt Röglin.