Die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat die Einführung subventionierter Strompreise für energieintensive Branchen ab dem 1. Januar 2026 angekündigt. Dies ist eine Antwort auf die zu hohen Energierechnungen, die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie untergraben. Die Begeisterung könnte jedoch verfrüht sein.

Reiche betonte bei einer Branchenkonferenz der Schwerindustrie, dass die Verhandlungen mit der Europäischen Kommission kurz vor dem Abschluss stehen. Brüssel muss die Subventionen als staatliche Beihilfe genehmigen, aber die Signale seien nach Einschätzung der Ministerin positiv. Der Plan sieht einen Rabatt von bis zu 50 % auf den Großhandelsstrompreis vor, allerdings nur für die Hälfte des jährlichen Verbrauchs eines Unternehmens und für maximal drei Jahre – bis Ende 2030. Vorläufige Schätzungen des Ministeriums sprechen von einem Niveau von 5 Cent pro Kilowattstunde, was für rund 2.000 Unternehmen jährliche Kosten für den Staat in Höhe von etwa 1,5 Milliarden Euro bedeuten würde. Die Mittel sollen aus dem Klima- und Transformationsfonds stammen.

Die Entscheidung Deutschlands fällt mit einer Krise im Stahlsektor zusammen. Reiche kündigte zudem die Verlängerung der Kompensationen für Stahlarbeiter an, die auf dem „Stahlgipfel" am 6. November besprochen werden sollen. Teilnehmen sollen Bundeskanzler Friedrich Merz, Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) sowie die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Schwerindustrie. Themen: Widerstandsfähigkeit der Lieferketten, Handel und eben die Energiepreise. Für viele Unternehmen ist das ein Signal, dass die Regierung ihre Probleme ernst nimmt – schließlich liegen die Durchschnittspreise für kleine und mittlere Unternehmen bei rund 18 Cent/kWh, für große etwas darunter.

Die deutsche Industrie, insbesondere die Chemie-, Metallurgie- und Aluminiumbranche, verliert seit Jahren an Wettbewerbsfähigkeit. Im Vergleich zu den USA sind die Strompreise hier doppelt so hoch, was Spekulationen über Produktionsverlagerungen befeuert. Pandemie, Ukraine-Krieg und Russland-Sanktionen haben die Lage nur verschlimmert: 2022 stiegen die Großhandelspreise auf 46,5 Cent/kWh. Obwohl sie heute auf rund 10 Cent gefallen sind, sprechen die Prognosen für 2030 von 8 bis 15 Cent – immer noch zu teuer für die „Energiefresser".

Die Begeisterung der Wirtschaft steht im Kontrast zur nüchternen Analyse der Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In einem Bericht von 2023 (aktualisiert 2025) simulieren Lea Bernhardt und ihr Team die Auswirkungen von Strompreiserhöhungen um 6 und 18 Cent im Vergleich zu 2018. Für die meisten Unternehmen betrug der Kostenanstieg gerade einmal 1 bis 2 % der Wertschöpfung.

Deutschland werde in Europa nie am günstigsten sein, meint das DIW, und die Energiewende werde die Preise weiter in die Höhe treiben. Besser wäre es, die Stromsteuer (6,7 Milliarden Euro jährlich) abzuschaffen, was allen zugutekäme, auch den Verbrauchern.

Darüber hinaus werfen selektive Vergünstigungen rechtliche Bedenken auf: Die Europäische Kommission erlaubt sie, aber unter der Bedingung, dass keine Diskriminierung vorliegt. Das DIW rät: Statt pauschaler Zuschüsse sollte man eine Wertschöpfungskettenanalyse durchführen. Welche Sektoren sind strategisch wichtig? Wo würde eine Abwanderung von Unternehmen Verluste im Downstream nach sich ziehen, wie in der Automobilindustrie, die vom Stahl abhängt? Ohne Daten ist das ein Glücksspiel.

Reiche appelliert für ein „europäisches Silicon Valley" statt eines bürokratischen Dschungels. Da haben Sie recht, Frau Ministerin: Ein einheitlicher Energiemarkt ist der Schlüssel. Aber Deutschland zahlt als OZE-Vorreiter einen hohen Preis dafür – die EEG- und KWK-Vergünstigungen liefen 2022 aus, was die Rechnungen in die Höhe trieb. Im Hintergrund steht der COP-Gipfel, auf dem Merz für den EU-Mechanismus CBAM (CO2-Grenzausgleich) wirbt, um die europäische Industrie vor billigen Importen aus China zu schützen.